Jubiläumsfilme des Aufführungsjahres 1923

Die erste deutsche parlamentarische Demokratie von 1918 bis 1933 bildete den gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Rahmen für eine der interessantesten Perioden der internationalen Filmgeschichte.

Stummfilme wie Robert Wienes expressionistischer Horrorfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920), Friedrich Wilhelm Murnaus Vampirgeschichte "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" (1922) und Fritz Langs Science-Fiction-Monumentalfilm "Metropolis" (1927) entstanden in dieser Zeit, sind vielzitierte Meilensteine der Filmgeschichte und ziehen auch heute noch ein weltweites Publikum in ihren Bann.

Die Initiative "100 Jahre Stummfilm-Klassiker der Weimarer Republik" stellt jedes Jahr eine Auswahl an Filmen vor, die dann ihr hundertjähriges Veröffentlichungsjubiläum feiern. Die Zusammenstellung orientiert sich an der filmhistorischen Bedeutung der Werke, also an inhaltichen, technischen und gestalterischen Kriterien. Auch wurde die Rezeptionsgeschichte berücksichtigt. Die Zuordnung der Film an das jeweilige Jahr richtet sich, soweit möglich, nach den Uraufführungsterminen.

♦ "Die Flamme", Regie: Ernst Lubitsch, Uraufführung Ende Januar 1923 in Wien, Deutsche Erstaufführung am 11. September 1923 im Berliner Ufa-Palast am Zoo
♦ "Ein Glas Wasser", Regie: Ludwig Berger, Uraufführung am 01. Februar 1923 im Berliner Ufa-Palast am Zoo
♦ "Schlagende Wetter", Regie: Karl Grune, Uraufführung am 15. Februar 1923 im Berliner Ufa-Theater am Kurfürstendamm
♦ "Erdgeist", Regie: Leopold Jessner, Uraufführung am 22. Februar 1923 in den Berliner Richard-Oswald-Lichtspielen
♦ "Der Schatz", Regie: Georg Wilhelm Pabst, Uraufführung am 23. Februar 1923 in Dresden
♦ "Friedrich Schiller - Eine Dichterjugend", Regie: Curt Goetz, Uraufführung am 26. März 1923 im Landestheater Stuttgart
♦ "Schatten - eine nächtliche Halluzination", Regie: Arthur Robison, Uraufführung am 16. Oktober 1923 im Berliner U.T. Nollendorfplatz
♦ "Das alte Gesetz", Regie: Ewald André Dupont, Uraufführung am 29. Oktober 1923 im Berliner Marmorhaus
♦ "Die Straße", Regie: Karl Grune, Uraufführung am 29. November 1923 im Berliner U.T. Kurfürstendamm
♦ "I.N.R.I. – Ein Film der Menschlichkeit", Regie: Robert Wiene, Uraufführung am 25. Dezember 1923 in den drei Berliner Kinos Mozartsaal, Marmorhaus und Schauburg

Filmkanon für das Aufführungsjahr 1923

Ein Ensemblefilm der leisen Töne

Als “Die Flamme” im Jahr 1923 in Deutschland in die Kinos kam, waren Regisseur Ernst Lubitsch und sein Star Pola Negri bereits in den USA angekommen. Der internationale Erfolg ihrer gemeinsamen Arbeit an Filmen wie “Carmen” (1918), “Madame Dubarry” (1919) und “Die Bergkatze” (1921) hatte ihnen den Weg nach Hollywood bereitet. Vor ihrer Abreise lieferten die Emigranten mit “Die Flamme” aber noch ein Meisterstück ab. 

Die Handlung spielt in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts. In die Grisette Yvette (Pola Negri) verlieben sich der weltgewandte Flaneur Gaston (Alfred Abel) und sein schüchterner Freund, der Komponist Adolphe (Hermann Thimig). Gaston sucht ein Abenteuer, aber Adolphe will mehr. Er holt Yvette zu sich in seine Mansarde, zum Unmut seiner darunter wohnenden Mutter. Lange währt das Glück “im siebten Himmel” allerdings nicht, denn in der Öffentlichkeit will der inzwischen erfolgreiche Komponist Adolphe sich mit Yvette dann doch nicht zeigen. 

Von “Die Flamme” hat sich leider nur eine Filmrolle erhalten. So können wir heute lediglich den zweiten Akt dieses wundervollen Films sehen, allerdings glücklicherweise eingebettet in eine Rekonstruktion des Münchner Filmmuseums. Und was wir hier sehen ist ein erstaunliches Beispiel für die Vielseitigkeit von Regisseur und Schauspielerin. Nach dem Feuer von “Carmen”, dem Historiendrama von “Madame Dubarry” und der anarchischen Komödie von “Die Bergkatze”, schlägt “Die Flamme” leise Töne an. Es ist ein Ensemblefilm, der seinen Reiz aus dem Zusammenspiel hervorragender Schauspieler zieht, die wir oft kammerspielhaft zusammengedrängt in engen Interieurs agieren sehen und deren Seelenleben uns viele Großaufnahmen studieren lassen. 

Wir treffen hier auf eine ganz andere Pola Negri, die nichts von der männerverschlingenden, burschikosen oder manipulativen Persönlichkeit ihrer früheren Rollen an sich hat. Als Yvette wirkt die Negri unendlich zerbrechlich. Die weite Krinoline ihres Kleides unterstreicht hier nur ihre schmalen Schultern. Yvette ist den Menschen ihrer Umgebung ausgeliefert, seien es Gaston, Adolphe, seiner Mutter, ihrer Zimmerwirtin oder den lüsternen Männern auf der Straße oder in den Cafés. Sie kann in diesem Spiel nur verlieren, und doch hofft sie auf ein besseres Leben. Und Pola Negri und Ernst Lubitsch gelingt es, uns mithoffen zu lassen mit Yvette. Bis zum bitteren Ende. 

Autor: Arndt Pawelczik

Credits 
Titel: Die Flamme 
Regie: Ernst Lubitsch 
Drehbuch: Hanns Kräly 
Kamera: Theodor Sparkuhl, Alfred Hansen 
Darsteller*innen: Pola Negri, Hilde Wörner, Alfred Abel, Hermann Thimig, Jenny Marba, Frida Richard, Jakob Tiedtke, Max Albert, Ferdinand von Alten 
Produktionsfirma: Ernst Lubitsch-Film GmbH 
Produzent: Ernst Lubitsch, Paul Davidson 
Uraufführung: Ende Januar 1923 in Wien, Deutsche Erstaufführung am 11. September 1923 im Berliner Ufa-Palast am Zoo

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Ein Film mit Leichtigkeit und natürlicher Ausstrahlung

“Ein Glas Wasser” ist eine recht werksgetreue Verfilmung des beliebten Bühnenstücks gleichen Namens von Eugène Scribe, das 1840 uraufgeführt wurde und das auch dem Film “The Favourite” (Vereinigtes Königreich, Irland, USA) von 2018 als Vorlage diente. 

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stehen sich England und Frankreich im spanischen Erbfolgekrieg gegenüber. Auf dem englischen Thron sitzt Königin Anne (Mady Christians), aber alle Entscheidungen trifft in Wirklichkeit die Herzogin von Marlborough (Lucie Höflich), deren Mann Oberbefehlshaber der britischen Armee ist, und die sich daher Vorteile von einer Weiterführung des Krieges verspricht. Lord Bolingbroke (Rudolf Rittner) will den Krieg beenden, um die Herzogin zu entmachten und Premierminister zu werden. Er intrigiert eifrig und nutzt dabei vor allem die leidenschaftliche Zuneigung, die sowohl Königin als auch Herzogin Masham (Hans Brausewetter) einem jungen Offizier der Leibgarde entgegenbringen, der selbst allerdings nur Augen für die Kammerzofe Abigail (Helga Thomas) hat. 

“Ein Glas Wasser” ist eine der ersten Filmarbeiten des bereits arrivierten Theaterregisseurs Ludwig Berger. Es gelingt ihm hier außergewöhnlich gut, die Qualitäten des Bühnenstückes auf die Leinwand zu übertragen und dem Stück gleichzeitig durch die Öffnung in den Raum mit Außenaufnahmen und aufwändigen Bauten eine neue Leichtigkeit und einen natürlicheren Charakter zu geben. In den großartigen Bauten agiert in vollendeten Kostümen ein gut aufgelegtes Ensemble erstklassiger Schauspieler*innen. 

Das Stück funktioniert als Komödie auch heute noch, wenn auch nicht ohne einen gewissen Beigeschmack, denn im Grunde macht sich “Ein Glas Wasser” vor allem über das ‘Weiberregiment’ am englischen Hof lustig, wo sich die Königin und ihre gestrenge Ratgeberin um einen kleinen Offizier streiten, statt wichtigen Staatsgeschäften nachzugehen, was vom weltgewandten Lord Bolingbroke für seine Zwecke ausgenutzt wird. Hier lohnt ein Vergleich mit der oben erwähnten Verfilmung von 2018, die eher der Art der Beziehung der zwei Frauen zueinander nachspürt.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits  
Titel: Ein Glas Wasser  
Regie: Ludwig Berger  
Drehbuch: Adolf Lantz, Ludwig Berger (nach dem Lustspiel "Das Glas Wasser" von Eugène Scribe)  
Kamera: Günther Krampf, Erich Waschneck  
Darsteller*innen: Mady Christians, Rudolf Rittner, Lucie Höflich, Hans Brausewetter, Helga Thomas, Hans Wassmann, Bruno Decarli, Hugo Döblin, Max Gülstorff, Franz Jackson, Henry Stuart, Joseph Roemer, Gertrud Wolle  
Produktionsfirma: Decla-Bioscop AG Berlin  
Produzent: Erich Pommer  
Uraufführung: 01. Februar 1923 im Berliner Ufa-Palast am Zoo

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Eine bürgerliche Tragödie im Bergarbeitermillieu 

Der deutsche Film der Zwanziger Jahre bewegt sich gerne in mondänen Sphären, um den Zuschauer:innen genüssliche Einblicke in das Leben der “besseren Gesellschaft” zu verschaffen. Ebenso gern zeichnet er aber auch Genrebilder aus dem Leben des “einfachen Volkes”. Beide Gesellschaftsschichten werden dabei allerdings selten realistisch wiedergegeben. Meist bleiben die Darstellungen im Klischeehaften stecken, oft verbunden mit mehr oder weniger platten moralischen Botschaften. 

Welch wichtige Rolle Klischees in “Schlagende Wetter” spielen, zeigt sich bereits in der ersten Szene: In einer kargen Kammer sitzt die junge Marie (Liane Haid) an einem Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, sichtbar verzweifelt. Ihr gegenüber steht (ganz offensichtlich) ihr Vater (Herrmann Vallentin) und fragt: “Wer war’s?”. Der Regisseur Karl Grune ist anscheinend überzeugt, dass dem zeitgenössischen Publikum diese stenographische Exposition reicht, um den zentralen Konflikt des Films zu erfassen: Marie ist unverheiratet schwanger. 

Das Melodrama läuft nun nach erprobtem Bauplan ab. Maries Vater tobt, der Kindsvater George (Walter Brugmann) verschwindet, Marie findet Aufnahme bei dem ungeschlachten Thomas (Eugen Klöpfer) und dessen Eltern (Adele Reuter- Eichberg, Leonhard Haskel), Thomas und Marie heiraten und er adoptiert das Kind. Nun taucht George wieder auf und macht sich an die ehemalige Geliebte ran. 

Was den Film glücklicherweise in weiten Teilen über das Klischee hinaushebt ist, dass Karl Grune diese ‘bürgerliche Trgödie’ im Bergarbeitermillieu des Ruhrgebiets ansiedelt. Die Außenaufnahmen zeigen das Revier der Zwischenkriegszeit: windschiefe Zechenhäuser an unbefestigten Straßen mit rauchenden Schloten im Hintergrund. Der Film verbringt viel Zeit am Förderkorb und unter Tage und ist offensichtlich um Realismus in der Darstellung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Kumpel bemüht. Die Stollen wurden aufwendig im Studio nachgebaut und die Zuschauer:innen können den ihnen unter Umständen nicht vertrauten Aufbau eines Bergwerks mit Hilfe von Aufrissmodellen nachvollziehen, die geschickt in die Handlung eingeschnitten wurden. 

Wie der Filmtitel bereits andeutet, dient das Bergwerk aber auch dazu, den Konflikt dramatisch zuzuspitzen und schließlich aufzulösen. Bei einer Grubengasexplosion – im Bergmannsjargon “schlagende Wetter” genannt – werden Thomas und George verschüttet. Nun wird das Melodrama mit Elementen des Schauerromans angereichert, denn in den dunklen und engen Gängen drohen den Charakteren mannigfaltige Gefahren. 

“Schlagende Wetter”, nur unvollständig erhalten, ist ein ansehnlicher Film mit aufwändigen Aufnahmen sowohl aus der realen Welt des Ruhrgebiets als auch aus dem Studio. Leider ist die Handlung im Vergleich zur technischen Sorgfalt ein wenig dünn.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Schlagende Wetter
Regie: Karl Grune
Drehbuch: Julius Urgiß, Max Jungk (nach einer Vorlage von Stefan Großmann)
Kamera: Karl Hasselmann
Darsteller:innen: Eugen Klöpfer, Liane Haid, Walther Brügmann, Hermann Vallentin, Leonhard Haskel, Adele Reuter-Eichberg, Carl de Vogt, Fritz Kampers
Produktionsfirma: Stern-Film GmbH Berlin
Produzent: Alfred Sternau
Uraufführung: 15. Februar 1923 im Berliner Ufa-Theater am Kurfürstendamm

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Asta Nielsen auf dem Lotterbett

Frank Wedekinds Drama "Erdgeist" wurde 1898 uraufgeführt, der zweite Teil, "Die Büchse der Pandora" im Jahre 1904. 1913 fusionierte der Autor die beiden Stücke zu einem Werk, das er nach der Hauptfigur "Lulu-Tragödie" nannte. In all seinen Formen war und blieb der Lulu-Stoff ähnlich skandalträchtig wie Wedekinds früheres Drama "Frühlings Erwachen" (1891), denn der Autor blickt hier hinter die Fassade der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit und entdeckt dort das überwunden geglaubte Animalische. Julius Bab schrieb 1905 in der "Schaubühne" über Lulu: "Das Geschlecht in Gestalt des dämonisch unschuldigen, arglos teuflischen Weibes vernichtet eine ganze Generation von Männern, die mit ihrem Gehirn das Leben erfassen und beherrschen wollen."

In den 1920er Jahren war der Skandal noch frisch und auch die bürgerliche Doppelmoral noch quicklebendig. "Lulu" wurde dann auch gleich zweimal verfilmt, einmal unter dem Titel "Erdgeist" 1923, einmal als „Die Büchse der Pandora“ 1929. Ein Vergleich beider Filme zeigt schlaglichtartig, welch rasante Entwicklung der deutsche Film im Lauf der Zwanziger Jahre nahm.

1923 führt Leopold Jessner Regie, einer der großen Vertreter des expressionstischen Theaters in Berlin. Und so sind die Bauten, aber auch das Spiel der Akteure in "Erdgeist" expressionistisch geprägt. In bühnenhaften Kulissen mit schrägen Winkeln und aufgemalten Details rollen Augen und werden Arme hochgerissen. Alles dreht sich hier um Lulu, gespielt von dem internationalen Star Asta Nielsen. Diese Besetzung kann man zwiespältig sehen. Für die "Kindfrau" des Wedekind’schen Stückes war die Nielsen zu alt, und "unschuldig" oder "arglos teuflisch" konnte sie nicht mehr wirken, denn sie hatte seit ihrer Filmpremiere in "Der Abgrund" (DK 1911) die Rolle der Verführerin zu einer der ihren gemacht. Andererseits hatte Asta Nielsen das nötige Charisma und erotische Fluidum für die Rolle und war auch 1923 noch ein echter Kassenmagnet.

Die Handlung ist schnell erzählt. Eine Reihe von Männern verliebt sich in Lulu und ringt um sie: Dr. Schön (Albert Bassermann), sein Sohn Alwa (Rudolf Forster) sowie die Künstler Dr. Goll (Gustav Rickelt) und Schwarz (Carl Ebert). Lulu gefällt das durchaus, sie möchte sich aber nicht festlegen, denn da ist ja auch noch ihr alter Beschützer Schigolch (Alexander Granach), der sie mit dem Kraftakrobaten Rodrigo (Heinrich George) verbandeln möchte. Das Ganze endet unweigerlich tragisch.

"Die Büchse der Pandora", 1929 von G.W. Pabst gedreht, ist geradezu ein Paradestück des neuen deutschen Stummfilms der späten Zwanziger Jahre, der die expressionistischen Züge abgelegt hat und mit den Mitteln der Neuen Sachlichkeit arbeitet. Nicht zuletzt wegen der Besetzung der Hauptrolle mit der Filmikone Louise Brooks hat der Ruhm des späteren Films "Erdgeist" in Vergessenheit geraten lassen. Das hat "Erdgeist" nicht verdient, denn es ist ein solide gemachter, unterhaltsamer Film mit einer großartig aufgelegten, umwerfenden Asta Nielsen, die hier trotz aller Expressivität auch Gelegenheit zum natürlichen Spiel hat, zum Beispiel wenn sie sich genüßlich mit Schigolch auf dem Lotterbett wälzt.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Erdgeist
Regie: Leopold Jessner
Drehbuch: Carl Mayer (nach Frank Wedekind)
Kamera: Axel Graatkjær, Günther Krampf
Darsteller*innen: Asta Nielsen, Albert Bassermann, Carl Ebert, Gustav Rickelt, Rudolf Forster, Alexander Granach, Heinrich George, Erwin Biswanger, Anton Pointner, Lucie Kieselhausen, Julius Falkenstein
Produktionsfirma: Leopold Jessner Film GmbH
Produzent: Leopold Jessner, Richard Oswald
Uraufführung: 22. Februar 1923 in den Berliner Richard-Oswald-Lichtspielen

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"Erdgeist" als Stream auf stumfilm.dk (niederländische Zwischentitel mit dänischen Untertiteln)

Im Brustkorb eines lebendigen Wesens 

Mit "Der Schatz" lieferte 1923 Georg Wilhelm Pabst sein Erstlingswerk ab, der Regisseur, der in der Filmkritik oft in einem Atemzug mit Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau genannt wird. Pabst steht in diesem deutschen Triumvirat vor allem für den späten Stummfilm. Bekannte und gefeierte Filme wie "Die freudlose Gasse" (D 1925), "Die Büchse der Pandora" (D 1929) und "Tagebuch einer Verlorenen" (D 1929) fallen dabei nicht mehr unter die Kategorie des 'expressionistischen' Films, sondern werden der Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. "Der Schatz" hat seine Wurzeln aber noch ganz eindeutig in der Frühzeit des deutschen Kinos. Wie viele Filme dieser Art spielt er in einer diffusen vorindustriellen Vergangenheit in der deutschsprachigen Provinz.

Ein Glockengießer (Albert Steinrück) wohnt mit Ehefrau (Ilka Grüning), seiner Tochter (Lucie Mannheim) und einem Gesellen (Werner Krauß) in einem uralten Haus, das gleichzeitig seine Werkstatt beherbergt. In dieses Haus kommt ein junger Goldschmied (Hans Brausewetter), um am Guss einer Glocke mitzuwirken. Der Goldschmied und die Tochter verlieben sich ineinander, sehr zum Verdruss des Gesellen Svetelenz, der auch ein Auge auf die junge Frau geworfen hatte. Svetelenz‘ größte Leidenschaft gilt hingegen der Suche nach einem Schatz, der angeblich in den Türkenkriegen im Haus versteckt worden war. Mit Hilfe des Goldschmieds findet er den Schatz schließlich in der Wand des Hauses, aber der plötzliche Reichtum bringt nicht nur Glück.

Nicht nur wegen Albert Steinrück und Werner Krauß wirkt "Der Schatz" wie eine Fusion von "Der Golem. Wie er in die Welt kam" (D 1920) und "Scherben" (D 1921). An den Golem gemahnt vor allem die Arbeit der Filmarchitekten Robert Herlth und Walter Röhrig. Das Haus des Glockengießers wirkt weniger gebaut als gewachsen. Die Rippen der alles dominierenden zentralen Säule vermitteln das Gefühl, die Familie lebe im Brustkorb eines lebendigen Wesens. In diese organisch-familiäre Struktur dringt der Goldschmied ein wie der Inspektor in "Scherben".

Neben der Architektur beeindruckt in "Der Schatz" vor allem das Spiel großartiger Schauspier. Albert Steinrück und Ilka Grüning machen hier das Meiste aus ihren Rollen und auch Lucie Mannheim weiß zu brillieren. Wieder einmal ist es aber der ebenso vielseitige wie problematische Werner Krauß, der als traumwandlerischer Svetelenz mit seinem völlig leeren Gesichtsausdruck in Erinnerung bleibt.

"Der Schatz" ist weder der bedeutendste Film von G.W. Pabst noch ein Hauptwerk des 'expressionistischen' Films. Es ist ein gelungenes, in sich geschlossenes Werk der Filmkunst seiner Zeit, ein unterhaltsamer Film, der bereits die große Meisterschaft seines Regisseurs erahnen lässt.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Der Schatz
Regie: Georg Wilhelm Pabst
Drehbuch: Willy Hennings, G. W. Pabst (nach einer Novelle von Rudolf Hans Bartsch)
Kamera: Otto Tober
Darsteller*innen: Albert Steinrück, Ilka Grüning, Lucie Mannheim, Werner Krauß, Hans Brausewetter
Produktionsfirma: Froelich-Film G.m.b.H. Berlin
Produzent: Carl Froelich
Uraufführung: 23. Februar 1923 in Dresden

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Sehenswertes Frühwerk eines großen Komödianten

Curt Goetz ist heute vor allem für die Verfilmungen seiner amüsant-charmanten, mit einer Brise Gesellschaftskritik angereicherten Bühnenstücke wie “Hokuspokus“, “Frauenarzt Dr. med. Hiob Prätorius“, "Napoleon ist an allem schuld" oder ”Das Haus in Montevideo“ bekannt. Weniger bekannt ist, dass der deutsch-schweizerische Schriftsteller schon vor dem Ersten Weltkrieg in der Filmwirtschaft aktiv war. Bereits 1912 trat er als Schauspieler in dem Harry-Piel-Film ”Schwarzes Blut" in Erscheinung, 1918 spielte er neben Ossi Oswalda in der turbulenten Crossdressing-Komödie “Ich will kein Mann sein” von Ernst Lubitsch mit. 

1922/23 wechselte Goetz in den Regiestuhl und produzierte mit seiner eigenen Filmgesellschaft “Götz Film Compagnie” das Biopic “Friedrich Schiller – Eine Dichterjugend”. Zusammen mit Max Kaufmann schrieb er das Drehbuch und übernahm zudem die Regie. Der Film schildert chronologisch Episoden aus dem Leben des bedeutenden deutschen Schriftstellers, gespielt von Theodor Loos, bis zu seiner Flucht vor dem Württembergischen Landesherrn Herzog Karl Eugen nach Thüringen. Im Mittelpunkt stehen dabei das durch mehrere Konflikte belastete Verhältnis zum Landesherrn und die davon beeinflusste schriftstellerische Arbeit an seinem 1782 uraufgeführten Schauspiel “Die Räuber”, Schillers Debüt- und einem Hauptwerk der "Sturm und Drang“-Strömung. 

Der mit einigen aufwändigen Massenszenen und einer überzeugenden Ausstattung ansprechend inszenierte Film erhält für heutige Zuschauende seinen besonderen Charme durch die an Originalschauplätzen gedrehten Bilder. Zu sehen sind beispielsweise das Alte Schloss in Stuttgart-Mitte und das Schloss Solitude, heute zum Stuttgart-West gehörend. Auch mehrere in schwäbischem Dialekt gehaltenen Zwischentitel lassen Lokalkolorit aufkommen. Die Uraufführung fand passenderweise am 26. März 1923 im Landestheater Stuttgart statt. 

“Friedrich Schiller” sollte die einzige Produktion der “Götz Film Compagnie“ bleiben. Ab 1923 widmete sich Goetz, wie schon in seinen Jugendjahren, intensiv dem Theater, zusammen mit seiner kongenialen Frau Valérie von Martens. Erst durch den großen Erfolg der Kinoadaption von ”Hokuspokus“ (D 1930), prominent besetzt mit dem damaligen deutschen Film-Traumpaar Lilian Harvey und Willy Fritsch, widmete er sich wieder den bewegten Bildern. 

"Friedrich Schiller“ liegt in einer ansprechenden DVD-Veröffentlichung der Edition Filmmuseum (Ausgabe 02) mit zwei Musikbegleitungen von Joachim Bärenz, einem vierseitigen Beileger und Drehbuchauszügen vor. Für die Restaurierung von Anfang 2000 zeichnet das Filmmuseum München verantwortlich, das den Film auch für Kinovorführungen ausleiht.

Autor: Frank Hoyer

Credits
Titel: Friedrich Schiller – Eine Dichterjugend
Regie: Curt Goetz
Drehbuch: Curt Goetz, Max Kaufmann
Kamera: Otto Tober, Hans Scholz
Darsteller*innen: Theodor Loos, Hermann Vallentin, Betty Herrmann, Max Pategg, Ilka Grüning, Hans Carl Müller, Martin Gier, Walter Kaesing, Gottfried Krauss, Philipp Manning, Carl Jönsson, Egmont Richter
Produktionsfirma: Götz-Film-Compagnie Berlin
Produzent: Curt Goetz
Uraufführung: 26. März 1923 im Landestheater Stuttgart

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Ein selbstreferentielles Spiel mit dem Medium Film
 

"Schatten" ist ein erstaunlicher Film und in vielfacher Hinsicht ein gutes Beispiel für die besondere Qualität des deutschen Kinos der 1920er Jahre. Das kann nicht verwundern, denn "Schatten" ist nicht von schlechten Eltern. Für Idee und Ausstattng zeichnete Albin Grau verantwortlich, dem wir auch "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" (D 1922) zu verdanken haben. Die Kamera führte der geniale Fritz Arno Wagner. Regisseur war Arthur Robison, ein Deutschamerikaner, dessen Bedeutung für das Kino in den letzten Jahren durch die Restaurierung von Filmen wie "Manon Lescaut" (D 1926), "Looping the Loop" (D 1928) und "The Informer" (D/GB 1929) erst deutlich geworden ist. Und dann die Besetzung ...

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden wir in einem provinziellen Gutshaus eine Abendgesellschaft versammelt. Der Hausherr (Fritz Kortner) und seine Gattin (Ruth Weyher) empfangen drei ältere Kavaliere (Eugen Rex, Max Gülstorff, Ferdinand von Alten) und einen jungen Mann (Gustav von Wangenheim). Bedient wird die Gesellschaft von zwei Dienern (Fritz Rasp, Carl Platen) und einem Dienstmädchen (Lilly Harder). Unter der adlig gediiegenen Oberfläche knistert es enorm, denn der Hausherr ist manisch eifersüchtig, während seine Ehefrau eifrig mit den anwesenden Herren flirtet. Gleichzeit wetteifern die Diener um die Gunst des Dienstmädchens und werfen der Hausherrin laszive Blicke zu. Da klopft es an der Tür und ein reisender Schattenspieler (Alexander Granach) macht seine Aufwartung. Er erkennt die Situation sofort und führt den Anwesenden mit einem quasi- hypnotischen Schattenspiel ihre eigene Triebhaftigkeit und die sich anbahnende Katastrophe vor Augen.

"Schatten" tut etwas, das man einem Film von 1923 vielleicht nicht unbedingt zutrauen würde. Er betreibt raffiniert und auf mehreren Ebenen ein selbstreferentielles Spiel mit seinem Medium. Betrachten nicht auch die Kinozuschauer ein Spiel aus Licht und Schatten? Und finden nicht auch sie auf der Leinwand ihre eigenen Gefühle und Triebe mehrfach verstärkt wieder? "Schatten" geht aber noch weiter und vermischt raffiniert und genüßlich die Ebenen immer komplexer miteinander.

Das hätte in anderen Händen ins langweilig-akademische abgleiten können. Dass "Schatten" ein so unterhaltsamer Film geworden ist, verdankt er vor allem der erotischen Spannung die hier aufgebaut wird, und in deren Zentrum die attraktive Ruth Weyher in einem Hauch von Empirekleid steht. Lotte Eisner nannte "Schatten" 1964 in der Pariser Filmzeitschrift "Positiv" den erotischsten Film den sie kenne.

"Schatten" ist eine Allegorie des Kinos ebenso wie eine Parabel archetypischer menschlicher Verhaltensweisen, verpackt in einen visuell aufregenden Film mit herausragenden schauspielerischen Leistungen, präziser Regie und meisterlicher Kameraführung.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Schatten – eine nächtliche Halluzination
Regie: Arthur Robison
Drehbuch: Rudolf Schneider, Arthur Robison
Kamera: Fritz Arno Wagner
Darsteller*innen: Fritz Kortner, Ruth Weyher, Gustav von Wangenheim, Alexander Granach, Eugen Rex, Max Gülstorff, Ferdinand von Alten, Fritz Rasp, Karl Platen, Lilly Harder
Produktionsfirma: Pan-Film GmbH Berlin
Produzent: Enrico Dieckmann, Willy Seibold
Uraufführung: 16. Oktober 1923 im Berliner U.T. Nollendorfplatz

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Optimistisches Bild von der Vereinbarkeit zweier Welten

Im Film der Zwanziger Jahre findet sich nicht selten und aus der heutigen Warte verstörend der alltägliche Antisemitismus seiner Zeit. Jüdischen Charakteren werden negative Eigenschaften unterstellt oder sie werden der Lächerlichkeit preisgegeben, besonders die sogenannten Ostjuden, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Druck russischer Pogrome aus Galizien Geflüchtete, und deren Nachkommen. Diese Menschen werden oft als rückständig und in der Enge ihrer religiösen Regeln gefangen dargestellt. 

Es gibt aber auch eine Handvoll deutscher und österreichischer Filme, die sich diesem Antisemitismus entgegenstellen und ein positives Bild des Judentums in Osteuropa vermitteln. Hierzu zählt E.A. Duponts Film “Das alte Gesetz” von 1923. 

Der Film beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in einem galizischen Schtetl. Baruch (Ernst Deutsch), Sohn des Rabbiners, will gegen den Willen seines Vaters (Avrom Morewsky) Schauspieler werden. So muss er Heimat, Familie und Jugendliebe verlassen und nach Wien gehen. Unterwegs schließt er sich einer kleinen Theatertruppe an und sammelt dort erste Bühnenerfahrungen. Sein Glück ist, dass die Erzherzogin Elisabeth (Henny Porten) zufällig einer der Aufführungen dieser Truppe beiwohnt. Sie verliebt sich in Baruch und wird seine mächtige Förderin. Ihre Patronage verschafft ihm zuerst ein Engagement am Burgtheater und später sogar die Rolle des Hamlet. 

Baruch muss für seine Erfolge immer wieder Opfer bringen, denn das orthodoxe jüdische Leben ist mit seiner Schauspielerkarriere unvereinbar. Immerhin gelingt es ihm, seine geliebte Esther (Margarete Schlegel) nach Wien zu holen und zu heiraten. Doch sein Vater bleibt unversöhnlich, bis ihn sein Freund Ruben Pick (Robert Garrison) mit den Werken Shakespeares bekannt macht und ihn schließlich nach Wien mitnimmt, wo der Rabbiner im Burgtheater seinen Sohn auf der Bühne erlebt. 

“Das alte Gesetz” ist ein aufwändiger, attraktiver Film, der komödiantische und sentimentale Anteile unterhaltsam vereint und auf mehreren Ebenen positive Botschaften vermittelt. Er zeigt Verständnis für die schwierige Assimilation der tief religiösen Einwanderer, indem er das Publikum miterleben lässt, wie schwer es Baruch fällt, sich von seinen Schläfenlocken zu trennen und an hohen jüdischen Feiertagen aufzutreten. Insgesamt wird ein optimistisches Bild von der Vereinbarkeit beider Welten gezeichnet. Die Parallelmontage des Yom Kippur Gottesdienstes in der Synagoge und der Hamlet- Premiere am Burgtheater betont kulturelle Gemeinsamkeiten, statt die Unterschiede herauszustreichen. 

Der Film stellt die Welt des Schtetls und der österreichischen Hauptstadt gleichberechtigt nebeneinander. Beide haben attraktive Seiten, aber auch ihre jeweils eigenen Beschränktheiten. Das wird besonders deutlich, als der Wiener Hof der Erzherzogin den weiteren Umgang mit dem Schauspieler verbietet. Beim Abschied erklärt sie Baruch, nicht nur in seiner Welt gebe es ein “altes Gesetz”, das die Handlungsfreiheit der Menschen einschränke. 

Henny Porten, die die Erzherzogin spielt, war einer der größten Stars des deutschen Films. Ihr offensichtliches Engagement für “Das alte Gesetz” mag mit ihrer Heirat mit einem jüdischen Arzt zwei Jahre zuvor in Zusammenhang stehen. Diese Ehe, an der Henny Porten auch unter großem Druck im Dritten Reich festhielt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Schauspieler*innen, führte zu ihrem Ausschluss aus der von Goebbels gleichgeschalteten deutschen Filmwirtschaft. 

Filmfreund*innen wird die Handlung von “Das alte Gesetz” streckenweise recht bekannt vorkommen. Die Geschichte erinnert in Teilen an “The Jazz Singer” mit Al Jolson, den Film der 1927 dem Tonfilm zum Durchbruch verhalf. 

Autor: Arndt Pawelczik

Credits 
Titel: Das alte Gesetz 
Regie: Ewald André Dupont 
Drehbuch: Paul Reno (nach Heinrich Laube) 
Kamera: Theodor Sparkuhl 
Darsteller*innen: Henny Porten, Ruth Weyher, Hermann Vallentin, Avrom Morewski, Ernst Deutsch, Grete Berger, Robert Garrison, Werner Krauss, Margarete Schlegel, Jakob Tiedtke 
Produktionsfirma: Comedia-Film GmbH Berlin 
Uraufführung: 29. Oktober 1923 im Berliner Marmorhaus

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Eine Freud’sche Allegorie 

Ein Kleinbürger (Eugen Klöpfer) wartet in der guten Stube, während seine Gattin (Lucie Höflich) in der Küche das Abendessen bereitet. Auf dem Sofa liegend verfolgt er die Schatten, die die Ereignisse vor seinem Fenster an die Zimmerdecke werfen. Lang kann er dem Reiz nicht widerstehen. Es zieht ihn nach draußen, auf die Straße, ins ganz unbürgerliche Abenteuer. Er geht zwar nicht gleich mit dem ersten Straßenmädchen mit, aber bald darauf gerät er in einem Tanzlokal an eine junge Dame (Aud Egede Nissen), deren Beschützer (Anton Edthofer) ihn zum Glücksspiel verführt. Nach etlichen Verwicklungen kehrt unser Spießer zerzaust und heilfroh in sein trautes Heim zurück, um seine Gattin zu umarmen und endlich das warmgestellte Abendessen zu verzehren. 

Der Film “Die Straße” von Karl Grune wird oft dem Kanon der ‘expressionistischen’ Filme der Weimarer Republik zugerechnet und dafür gibt es durchaus Gründe, denn Grune arbeitet hier mit vielen Versatzstücken des Genres. Das Gesicht einer Prostituierten verwandelt sich durch Überblendung in einen Totenschädel. Die Elemente des großstädtischen Lebens drehen sich in einer kaleidoskophaften Mehrfachbelichtung vor unseren Augen. Die Szenerie wechselt zwischen Realismus und Kulissenhaftigkeit. Das Schild über der Tür der Polizeiwache zieren bedeutungslose Zeichen und ein Optiker hat vor seinem Geschäft eine überdimensionale Brille angebracht, deren Augen das Geschehen auf der Straße kritisch zu betrachten scheinen. 

Dieser Anhäufung von Stilelementen steht allerdings eine recht banale und wenig originelle Geschichte gegenüber. In dem Moment, als der Kleinbürger flott seine Wohnung verläßt, ist es unschwer zu erraten, dass die Straße des Titels nicht nur positive Erlebnisse für ihn bereithält. Im Grunde absolviert der Protagonist hier ein aus Theaterstücken, Romanen und anderen Filmen bekanntes Programm: Er stürzt sich in eine ihm unbekannte Welt, wird erniedrigt und gerät in Gefahr. Unbekannt ist streckenweise immerhin der Ausgang des Ganzen, der dann allerdings fast enttäuschend konsequenzlos für den Kleinbürger ausfällt, denn nicht einmal die Suppe ist kalt geworden.

“Die Straße” ist eine recht simple Allegorie. Die Charaktere und Situationen sind allesamt klischeehaft und der Film bietet nicht genug expressionisische Elemente, um auf dieser Ebene zu überzeugen. Ein Lichtblick ist das Spiel Eugen Klöpfers, der der Handlung zuweilen durchaus Spannung und seiner Figur immerhin eine eigene Note gibt. Als Spießer im dreiteiligen Anzug mit Vatermörderkragen trägt er stets einen Regenschirm bei sich, und die Art, wie er ihn trägt, ließe sich – wäre man der Freud’schen Lehre zugetan – durchaus als Ausdruck einer nicht komplett selbst realisierten kleinbürgerlichen Geilheit sehen, die damit folgerichtigerweise als Triebfeder der gesamten Handlung identifiziert wäre. Volker Schlöndorf spricht 1983 in einem Beitrag für den Deutschlandfunk über den Film von den ‘ewig Pubertierenden, die kurz rebellieren, um sich dann zu unterwerfen’. Damit beschreibt er den Protagonisten der “Straße” genau.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits 
Titel: Die Straße 
Regie: Karl Grune 
Drehbuch: Karl Grune, Julius Urgiß (nach Carl Mayer) 
Kamera: Karl Hasselmann 
Darsteller*innen: Eugen Klöpfer, Aud Egede-Nissen, Lucie Höflich, Anton Edthofer, Leonhard Haskel, Max Schreck, Hans Trautner 
Produktionsfirma: Stern-Film Berlin 
Produzent: Alfred Sternau 
Uraufführung: 29. November 1923 im Berliner U.T. Kurfürstendamm

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Ein aufwändiges "Best-of" der Evangelien im Schnelldurchlauf

Bibelverfilmungen hat es seit der Frühzeit des Kinos immer wieder gegeben. Man mag dahinter optimistisch echtes Interesse am Verbreiten der frohen Botschaft vermuten, oder abgeklärt darüber spekulieren, dass die Produzenten vielmehr auf die kommerziellen Möglichkeiten einer derart weltbekannten Geschichte schielten. Zudem bot die Bibel jede Menge spannenden Erzählstoff, man konnte auf viele Jahrhunderte der Bilderfindung in Gemälde und Skulptur zurückgreifen und nicht zuletzt waren dank weitverbreiteter Passionsspiele und Prozessionen Kostüme bereits in ausreichender Menge vorhanden.

Frühe Verfilmungen der Evangeliengeschichte aus Italien und Frankreich hatten großen internationalen Erfolg gehabt, und das mag einer der Gründe gewesen sein, warum man auch im Deutschland der Inflationsjahre die Chance sah, mit einer biblischen Großproduktion international zu landen. So wurden die neugegebauten Hallen in Staaken im Westen von Berlin mit Tonnen von Sand, Pappsäulen und Stoffpalmen schnell in das gelobte Land verwandelt und mit hochkarätigem Schauspielermaterial der Berliner Bühnen bestückt. Henny Porten durfte die Maria spielen, Asta Nielsen die Maria Magdalena, Werner Krauß den Pontius Pilatus und Alexander Granach den Judas. Die Hauptrolle übernahm der Ukrainer Grigori Chmara. Die Regie übernahm der mit "Das Cabinet des Dr Caligari" (D 1920) auch international bekannt gewordene Robert Wiene.

Als Vorlage dienten dem Drehbuch nicht nur die Evangelien, sondern vor allem der Roman "I.N.R.I" des österreichischen Autors Peter Rosegger aus dem Jahr 1905, der die Passionsgeschichte in eine Rahmenhandlung einbettet, in der mit Hilfe der biblischen Botschaft ein Anarchist bekehrt wird. In den heute erhaltenen Filmkopien fehlt diese Rahmenhandlung. Stattdessen sehen wir ein "Best-of" der Evangelien im Schnelldurchlauf. Der Film beginnt mit einem Tableau von Christi Geburt, wie es aus unzähligen Darstellungen bekannt ist, und endet mit einem ebenso wohlvertrauten Tableau der Kreuzigung. Auch dazwischen bewegt sich nicht viel, sieht man von einigen Massenszenen ab.

Vor bühnenhaft wirkenden Kulissen erstarrt "I.N.R.I." größtenteils in Ehrfurcht, zeigt uns das verklärte Antlitz des Erlösers und schleppt sich so dem allseits bekannten Ausgang der Geschichte entgegen. Interessant ist dabei vor allem die Ausgestaltung der Rollen, zum Beispiel durch Henny Porten und Asta Nielsen im engen Zusammenspiel oder durch die immer sehenswerten Werner Krauß und Alexander Granach.

"I.N.R.I." kam am ersten Weihnachtstag 1923 in die Kinos. Drei Wochen zuvor hatte in den USA Cecil B. DeMilles Film "The Ten Commandments" ("Die zehn Gebote") Premiere gefeiert. Dieser Film bettet ebenfalls biblische Geschichten – in diesem Fall aus dem alten Testament – in eine zeitgenössische Rahmenhandlung ein, ist dabei aber weniger auf Innigkeit und dafür mehr auf spektakuläre Wirkung aus: Tempel stürzen ein, die Plagen kommen über Ägypten, das Rote Meer teilt sich und verschlingt das Heer des Pharaoh. Vier Jahre später verfilmte deMille auch das Leben Jesu in "The King of Kings" ("König der Könige"). Vergleicht man diesen Film mit "I.N.R.I." wird vor allem schmerzhaft deutlich, wie sehr es der deutschen Produktion an Lebendigkeit und Intensität fehlt.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: I.N.R.I. – Ein Film der Menschlichkeit
Regie: Robert Wiene
Drehbuch: Robert Wiene
Kamera: Axel Graatkjaer, Ludwig Lippert, Reimar Kuntze
Darsteller*innen: Gregori Chmara, Henny Porten, Werner Krauß, Asta Nielsen, Alexander Granach, Emanuel Reicher, Theodor Becker, Bruno Ziener, Emil Lind
Produktionsfirma: Neumann-Film-Produktion GmbH Berlin
Produzent: Hans Neumann
Uraufführung: 25. Dezember 1923 in den drei Berliner Kinos Mozartsaal, Marmorhaus und Schauburg

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