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filmstreifen 06 250Zum 15. Mal lädt das Filmpodium zum Zürcher Stummfilmfestival ein. Trotz seiner filmhistorischen Natur ist das Programm einmal mehr ganz aktuell: Es zeigt die neuesten Ausgrabungen, Wiederentdeckungen und Restaurierungen der internationalen Filmarchive – von den frühen Lumière-Filmen bis zu einem späten Stummfilm mit Tonspur. Als Jahresauftakt zur Filmpodium-Dauerreihe "Das erste Jahrhundert des Films" bietet es zudem eine repräsentative Auswahl von Werken aus den Jahren 1918 und 1928.

1918, das letzte Jahr jenes "Grossen Krieges", den man später den "Ersten Weltkrieg" nennen sollte. Dessen Schrecken begannen sich langsam auch im Kino zu spiegeln, nachdem es den Krieg zuvor – außer in pseudodokumentarischen Propagandastreifen – verdrängt hatte. Ausgerechnet dem "Clown" Chaplin kommt mit seinem mittellangen Shoulder Arms (USA 1918) dabei eine besondere Pionierrolle zu. Auch der dänische Science-Fiction-Ahn Das Himmelsschiff (1918) ist mit seiner pazifistischen Botschaft eine deutliche Antwort auf die Gräuel des Kriegs. 1928, im Jahr vor dem Black Friday, stand das Filmschaffen in den USA im Zeichen der immer gewisser werdenden Ablösung des "stummen" durch den Tonfilm, während die Stummfilmkunst in Europa, aber auch im Fernen Osten eine letzte grosse Blüte erlebte.

Man hüte sich aber vor Verallgemeinerungen: Den Stummfilm gab es nicht. Gerade in der Stummfilmzeit entwickelten sich nicht nur unterschiedlichste Genres, sondern auch prinzipiell unterschiedliche Ästhetiken. Die einen Filmemacher sahen vor allem die Nähe zum gemalten Bild, andere zur Pantomime, und die filmischen Melodramen lehnten sich an die grossen Opern an. Nur das Sprechtheater war etwas völlig anderes. Nirgends wurde das sichtbarer als bei der filmischen Adaption von Theaterstücken: Was auf der Bühne durch den Dialog vermittelt wurde, musste auf der Leinwand Bildaussage werden. So entwickelte etwa René Clair eine besondere Meisterschaft, den Dialogwitz von Boulevardkomödien durch filmische Gags zu ersetzen.

In der Stummfilmzeit überschritten die Filmemacher mit Leichtigkeit Grenzen: jene zu anderen Künsten, jene zwischen den (heute weitgehend getrennt gesehenen) filmischen Genres und erst recht jene zwischen den Staaten. Nicht nur die Regisseure, sondern auch die Schauspielerinnen und Schauspieler konnten im noch "sprachlosen" Film problemlos grenzüberschreitend tätig werden. So findet man in deutschen Filmen Stars wie Pola Negri – zuvor in Polen, später in Hollywood erfolgreich – oder den Dänen Olaf Fønss, und was wären die amerikanischen ohne Importe wie Greta Garbo und Emil Jannings? Ganz zu schweigen von den unzähligen europäischen Filmemachern in den USA wie Paul Fejos, Josef von Sternberg, Erich von Stroheim, Robert Florey und Slavko Vorkapich. Die Hauptdarstellerin von The Informer (GB 1929), die gebürtige Ungarin Lya de Putti, kennt man sonst vor allem aus deutschen Filmen; sie kam via Hollywood nach England. Das frappanteste Beispiel kulturellen Austauschs liefert vielleicht der japanische Film Jujiro (J 1928). Eines der Hauptwerke des deutschen expressionistischen Films, Von morgens bis mitternachts (D 1920, Regie: Karlheinz Martin), fand in Japan weit grössere Beachtung als zu Hause, sodass nur dort eine Kopie erhalten geblieben ist. Teinosuke Kinugasa machte mit seinem ästhetisch verwandten Film die umgekehrte Reise: Er ging damit nach Europa und konnte den Film in Deutschland und anschliessend in anderen europäischen Ländern verkaufen, sodass "Jujiro" nur in europäischen Archiven überlebt hat. Wie wenig die Stummfilme als isolierte Phänomene zu betrachten, wie sehr sie als Teil einer weiteren kulturellen Entwicklung zu sehen sind, verdeutlichen auch die vielen Wechselwirkungen und Austausche zwischen den Künsten. Nicht nur Franz Kafka und Carl Spitteler haben den jungen Film angeregt verfolgt. Auch viele Grosse des Theaters haben sich zum Sprung in das stumm-bildhafte Medium herausgefordert gefühlt. So kann man in diesem Festival Theaterlegenden wie Charles Dullin oder Wsewolod Meyerhold begegnen. Manhatta (USA 1921) des als Maler bereits bekannten Charles Sheeler und des jungen Fotografen Paul Strand zeugt ebenso von der Anziehungskraft des Films auf Künstler anderer Sparten.

Der künstlerische Austausch setzt sich bis heute fort in der Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern, die zu den Aufführungen der alten, auch zu ihrer Zeit nicht wirklich "stumm" gezeigten Werke eine akustische Ebene beisteuern und so die Festivalaufführungen zum Live-Event werden lassen. Einmal mehr holt das Filmpodium eine Reihe der renommiertesten Vertreter ihres Fachs nach Zürich: den Pianisten Joachim Bärenz (Oberhausen), den Pianisten und Violinisten Günter A. Buchwald und den Schlagzeuger Frank Bockius (beide Freiburg i. Br.), die niederländische Pianistin Maud Nelissen, ihre Kollegen Stephen Horne (London), Richard Siedhoff (Weimar) sowie Gabriel Thibaudeau (Montréal). Dazu kommen die nicht minder hochkarätigen "einheimischen" Pianisten Martin Christ, André Desponds und Alexander Schiwow, und als hiesige Gäste Saadet Türköz (Stimme), Hans Hassler (Akkordeon) und Bruno Spoerri (Saxophon).

Diese Musiker improvisieren, mal völlig spontan, mal minutiös vorbereitet; daneben ist mit Gabriel Thibaudeaus Musik zu Carmen (D 1918) eine Neukomposition live zu hören, die er zusammen mit der Cellistin Isabelle Sajot vorträgt. Die beiden Chaplin-Filme laufen mit der von ihm selbst nachträglich komponierten Musik, und Lonesome hat einen originalen Movietone-Soundtrack mit Musik und Geräuschen.

Diese Aufzählung kann nur ein kleiner Vorgeschmack auf den Reichtum an Themen, Stars und Attraktionen des 15. Zürcher Stummfilmfestivals sein. So stehen unter anderem auch die Premiere des Films Lumière!, der das Werk der Brüder Lumière wiederaufleben lässt, und der Videovortrag von Hansmartin Siegrist über den Film Lumière 308: Bâle: Pont sur le Rhin auf dem Programm.

Die 15. Zürcher Stummfilmtage findet man hier im Internet.

Text: Martin Girod. Der Autor war von 1993 bis 2005 Koleiter des Filmpodiums der Stadt Zürich. Seither ist er als freier Filmjournalist und Programmkurator tätig. Die Textübernahme erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmpodium Zürich. Foto: Stummfilm Magazin/Frank Hoyer

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