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Am 30. Juni 2017 hat der Deutsche Bundestag fraktionsübergreifend und mit deutlicher Mehrheit beschlossen, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen.

Vor 98 Jahren hätten es sich der österreichische Regisseur Richard Oswald und sein Berater, der deutsche Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, bei der gemeinsamen Produktion des Aufklärungsfilms Anders als die Andern (Deutschland 1919) nicht mal im Traum einfallen lassen, dass Schwule und Lesben einmal gleichberechtigt mit heterosexuellen Menschen Einlass in die Standesämter bekommen könnten. Ein drängenderes, oft existenzbedrohendes Problem stand zu jener Zeit im Vordergrund: die rechtliche Kriminalisierung von Homosexuellen aufgrund des Paragrafen 175.

"Anders als die Andern", das weltweit erste Kinowerk gegen die Diskriminierung von Schwulen, erzählt von einem Erpressungdelikt im Zusammenhang mit dem § 175. In Hauptrollen sind unter anderem Conrad Veidt, Fritz Schulz und Reinhold Schünzel zu sehen, in einer Nebenrolle die legendäre Anita Berber. Magnus Hirschfeld persönlich mimte einen Experten und forderte die Abschaffung des Paragrafen. Die Veröffentlichung des umstrittenen, in den Medien kontrovers diskutierten Stummfilms war der Auslöser, die erst 18 Monate zuvor abgeschaffte Filmzensur in der Weimarer Republik wieder einzuführen. Von der filmhistorisch bedeutenden Produktion ist nur noch ein Fragment erhalten.

Der im Film thematisierte § 175 wurde erst im Juni 1994, knapp 80 Jahre nach der Veröffentlichung von "Anders als die Andern" abgeschafft. Knapp 25 Jahre später ist mit der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben nun auch eine der wirkungsmächtigsten rechtlichen Diskriminierungen von gleichgeschlechtlich Liebenden gefallen.

Der Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) erklärte umgehend nach der Beschlussfassung von "Ehe für Alle": "Das ist ein historischer Tag! Nicht nur für Lesben und Schwule, sondern auch für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft. Ob man in Deutschland heiraten darf oder nicht entscheidet, zukünftig nicht mehr das Geschlecht, sondern Liebe, Zusammenhalt und das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein." Dieser Einschätzung hätte Magnus Hirschfeld, der 1935 nach seiner Flucht aus Nazideutschland im Exil in Frankreich starb, bestimmt mit großer Begeisterung beigepflichtet.
Frank Hoyer, Redaktion Stummfilm Magazin

Literaturtipp: „Anders als die Andern. Ein Film und seine Geschichte" von James Steakley, Männerschwarm-Verlag, Hamburg 2007
DVD-Tipp: Bei Edition Filmmuseum wurde eine Rekonstruktion von "Anders als die Andern" mit zahlreichen ergänzenden Materialien auf DVD veröffentlicht.

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