Eindeutig als Schwule oder Lesben identifizierbare Filmfiguren sind eine Seltenheit in den Produktionen aus der Frühzeit des Kinos.

cyankali tintner 1930 screenshot kioskszene 2 250Dem amerikanischen Autor Vito Russo (1946 – 1990) ist es mit seinem Buch „The Celluloid Closet“ aus dem Jahr 1981 zu verdanken, dass dem Thema in den letzten fünfunddreißig Jahren zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt wurde: Mit Akribie hatte Russo nach Hinweisen auf Homosexualität in unzähligen Filmen gesucht, homosexuelle Subtexte bei Filmproduktionen aus aller Welt herausgearbeitet – und das alles mit dem ernüchternden Ergebnis: Eindeutige Darstellungen homosexueller Menschen in den ersten Jahrzehnten des Kinos sind extrem selten und zudem selten respektvoll in der Figurenzeichnung. Das gesellschaftliche Tabu der gleichgeschlechtlichen Liebe setzte sich nahtlos auf der Kinoleinwand fort. In den wenigen Ausnahmen grüßte überwiegend die tuntig-feminine Nebenfigur in den Kinosaal.

Die einzige eindeutige Darstellung schwuler Filmprotagonisten von Relevanz aus der Stummfilmära ist in Richard Oswalds Anders als die Anderen (Deutschland 1919) zu finden. Das seinerzeit umstrittene Drama war ein filmischer Appell gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und für die Abschaffung des schwulenfeindlichen Paragrafen 175. Die noch existierenden Teile des Films zeigen keine weiblichen Homosexuellen, vermutlich konzentrierte sich der Film auch in seiner ursprünglichen Fassung allein auf schwule Männer.

Die weltweit wohl erste filmische Darstellung einer lesbischen Frau blieb Georg Wilhelm Papst in seinem Stummfilmklassiker Die Büchse der Pandora vorbehalten: Der im Jahr 1929 erschienene, meisterhaft inszenierte Film schildert die Geschichte der Tänzerin Lulu − gespielt von der unvergleichlichen Louise Brooks −,  die im Lauf der Filmhandlung amouröse Beziehungen zu mehreren Männern und einer Frau unterhält. Letztere ist die Lesbe Gräfin Anna Geschwitz, gespielt von Alice Roberts.

Das Drama „Die Büchse der Pandora“ ist mit seiner expliziten Darstellung einer Lesbe für viele Jahre, letztendlich Jahrzehnte, einzigartig in der internationalen Stummfilmgeschichte. Diese Sonderstellung darf sich der Film nach den aktuellen Recherchen von Stummfilm Magazin nun mit einer weiteren, nun (wieder)entdeckten Filmperle teilen. Die bislang filmhistorisch undokumentierte Sequenz besteht aus fünf Einstellungen und ist nur sechzehn Sekunden lang, wird aber – zumindest auf das zeitgenössische homosexuelle Filmpublikum – eine durchaus elektrisierende Wirkung gehabt haben.

Die Rede ist von einer Szene in Hans Tintners Sozialdrama Cyankali aus dem Jahr 1930. Ab 1933 von den Nationalsozialisten verboten, war der Film auch nach 1945 nicht mehr nennenswert öffentlich wahrgenommen worden, dokumentiert sind lediglich eine TV-Ausstrahlung im DDR-Fernsehen in den 70er-Jahren und gelegentliche Aufführungen in Filmkunsttheatern. Nun liegt der seinerzeit als Stummfilmproduktion begonnene und dann mit einigen kurzen Tonfilmeinschnitten fertiggestellte Film seit September 2016 erstmalig als DVD vor.

cyankali tintner 1930 screenshot kioskszene 3 250In einer humoristisch eingefärbten Sequenz in „Cyankali“ werden die Käuferinnen und Käufer eines Kiosks vorgestellt, darunter auch eine Lesbe: Eine etwas füllige, mit einem auffälligen Hut und einem Monokel ausgestattete Dame durchstöbert die Zeitschriftenauslage und kauft dann mit einem „wissenden“ Gesichtausdruck das Magazin Die Freundin. Die gesprochenen Worte „Die Freundin, bitte!“ kann man ohne Schwierigkeiten von ihren Lippen ablesen. Das Titelbild der Zeitschrift, die Aktaufnahme einer Frau, lässt auch dem nicht im homosexuellen Kontext lebenden oder denkenden Filmzuschauer die Zusammenhänge umgehend klar werden. (Minute 58:00 bis 58:16 in der vorliegenden DVD-Fassung von Absolut Medien).

Das Sozialdrama „Cyankali“ über den Abtreibungsparagrafen 218, das auf dem gleichnamigen Bühnenerfolg des Arztes, Schrifttellers und kommunistischen Politikers Friedrich Wolf beruht, war deutschlandweit an den Kinokassen ein Renner, ein wichtiger Aspekt, denn so wurde die kurze Szene von vielen Menschen gesehen. Sicher werden auch viele Lesben im Publikum gewesen sein, schon allein aufgrund der frauen- und gesellschaftspolitischen Grundthematik des Films.

In der Weimar Republik war außerhalb der großen Städte lesbisches und schwules Leben kein wahrnehmbares Thema. Viele Homosexuelle wurden zu dieser Zeit mit der Identitätsfindung alleine gelassen und mussten sich mühsam und diskret ein Netzwerk an Vertrauten aufbauen. Gleichgeschlechtliche Beziehungen konnten meist nur in Heimlichkeit geführt werden. Es musste mit Ablehnung selbst im engsten familiären Umfeld gerechnet werden, falls die sexuelle Identität bekannt werden würde.

Um so wichtiger ist die kurze Kiosk-Szene zu bewerten. Hier wurde in einem, wenn auch umstrittenen und im Vorfeld mehrfach zensierten Erfolgsfilm in wenigen Sekunden vermittelt: Du bist nicht allein! Es gibt weitere Menschen wie Du! Es gibt sogar selbstbewusst lebende Lesben! Und: Es gibt ein Magazin für Dich! Es ist nicht vermessen anzunehmen, dass „Cyankali“ für viele Homosexuelle ein „Aha“-Erlebnis gewesen sein wird, vielleicht sogar ein biografischer Einschnitt. Durch die Abbildung der real existierenden Zeitschrift "Die Freundin" − vermutlich das erste filmische Abbild eines Homosexuellenmagazins in der Filmgeschichte! − kann der Film letzendlich für die konkrete Lebensführung von Schwulen und Lesben bedeutungsvoller gewesen sein als die lesbisch angehauchten Szenen in "Die Büchse der Pandora". Denn "Cyankali" verweist von seinem fiktiven Geschehen auf der Leinwand in die Realität, genauer gesagt zum nächsten "gut sortierten" Kiosk. Wo hätte man damals ohne Kenntnis eines Szenetreffpunkts, einer Zufallsbekanntschaft oder eines thematisch spezialisierten Magazins grundlegende Informationen über und für Homosexuelle und ihre „Subkultur“ erhalten können? Ein "Insider-Magazin" konnte hier diskret den Weg weisen und Orientierung geben ...

Die im Film gezeigte Zeitschrift „Die Freundin“ war im Übrigen weltweit das erste Magazin für Lesben und eine der großen, wenn nicht gar die auflagenstärkste Publikation für weibliche Homosexuelle in der Weimarer Zeit. Sie erschien von 1924 bis 1933. In ihrem Kontaktanzeigenteil berücksichtigte sie nicht nur lesbische, sondern auch schwule Inserate. Zudem gab es Hinweise auf einschlägige Lokale und Treffpunkte mit Schwerpunkt in Berlin. "Die Freundin" konnte auch im Abonnement bezogen werden.

cyankali dvd cover absolut medien 2016 250Insoweit ist die aktuelle DVD-Edition nicht nur ein filmhistorischer Beitrag zur Debatte über die neuerdings von rechtskonservativen Kräften wieder betriebene Diskussion um eine Verschärfung des § 218 (siehe aktuelles Beispiel Polen), sondern ein weiterer Mosaikstein in der Geschichte der filmischen Darstellung von Homosexualität.

Über die DVD:
Hans Tintners Cyancali ist im September 2016 in der Reihe „Arte Edition“ von Absolut Medien erschienen. Die Ausstattung lässt keine Wünsche offen: Neben diversen Dokumenten auf zwei DVD-ROM-Teilen enthält die Doppel-DVD auch eine für das DDR-Fernsehen im Jahr 1977 inszenierte Fernsehversion von „Cyankali“, die TV-Diskussion „Probleme und Gedanken“ (die einen Tag nach der Ausstrahlung der TV-Fassung von „Cyankali“ im DFF ausgestrahlt wurde) und einen Radiobeitrag aus dem Jahr 1978. Im 20-seitigen, schön bebilderten Booklet wird ein Abriss über die Geschichte des Abtreibungsparagrafen 218 und ein kurzer Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Weimarer Zeit gegeben.

Autor: Frank Hoyer
Die Bilder aus „Cyankali“ werden mit freundlicher Genehmigung von absolut Medien GmbH verwendet; © absolut Medien GmbH.

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