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filmstreifen 02 250Am Sonntag, den 03. Oktober 2021, ist um 19:30 Uhr im Großen Saal des Konzerthaus Wien Erich von Stroheims "Blind Husbands" (USA 1919) zu sehen.

Das Ensemble recherche (Freiburg im Breisgau) bringt eine Neukomposition von Andreas Eduardo Frank zur frisch restaurierten Fassung zur Uraufführung. Es dirigiert Nacho de Paz. Die neue Filmmusik ist ein Auftrag von Elbphilharmonie Hamburg, ZDF und Wiener Konzerthaus in Zusammenarbeit mit ARTE und dem Österreichischen Filmmuseum.

Am 13. Dezember 2021 wird "Blind Husbands" dann mit der neuen Musik bei ARTE ausgestrahlt. ZDF/ARTE-Redakteurin Nina Goslar sprach mit dem Komponisten Andreas Eduardo Frank über den Film und seinen Soundtrack dafür:

Erich von Stroheim ist bekannt als 'man you love to hate' – er spielte Schurken und war selbst im Umgang mit seinen Produzenten kompromisslos. Haben Sie ihn auch mal gehasst während der Arbeit am Film?

Nein, gehasst nie – im Gegenteil, Stroheim ist in der Geschichte doch die sympathischste Figur. Man schaut ihm wahnsinnig gerne zu und als Regisseur ist er ohnehin Spitze. Die Herausforderung war eher die Länge des Films und die Tatsache, dass man den Film 'bedienen' muss. Zugleich legt man als Komponist Musik in einer gewissen Dichte an, die kann man dann im Lauf der Arbeit nicht einfach herunterschrauben.

Im Film geht es um sexuelle Frustration und um unverhohlenen männlichen Chauvinismus. Wie verhandeln Sie das musikalisch? Gibt es so etwas wie eine Choreographie der Leidenschaft in Ihrer Musik und ist Erotik oder Sehnsucht für einen heutigen Komponisten überhaupt noch ein Thema?

Natürlich muss ich bei einem Film wie 'Blind Husbands' die emotionalen Momente aufgreifen und kommentieren. Dabei verändern sich in diesem Film die Emotionen ständig, sie verkehren sich in ihr Gegenteil, werden ironisch und stellenweise sarkastisch gebrochen. So ist es ganz logisch, dass sich das Thema für Steuben im Lauf des Films verändert, auch musikalisch muss ich seine Entwicklung begleiten. Es war ausgesprochen spannend, das Material zu kneten.

Woran knüpft Ihre Musik an: An die Story bzw. Handlung oder eher an die Inszenierung, etwa Kamera, Licht und Schnitt?

Ich habe mich sehr genau an den Aufbau des Films gehalten, quasi die Architektur in den volatilen Beziehungen der Figuren untereinander. In der ersten halben Stunde erleben wir immer wieder neue Konstellationen, es gibt kurze Bögen, schnelle Wechsel. Im mittleren Teil entwickeln sich  und das muss ich auch als Musiker umsetzen größere Bögen, eine Szene dauert gar 20 Minuten. Im letzten Drittel kulminiert das Ganze dann in einem halbstündigen Spannungsbogen, und das fordert eine sorgfältige Durcharbeitung – die musikalische Feinzeichnung geht brutal ins Detail.

Adorno vergleicht Leitmotive in der Filmmusik mit einem Kammerdiener, der mit gravitätischer Miene die Ankunft des Herrn ankündigt; zugleich lebt Filmmusik vom Reiz des Wiedererkennens. Wie gehen Sie mit Wiederholungen um?

Ich arbeite durchaus mit Themen, die sich wiederholen, die mir aber auch die Möglichkeit zur Varianz geben. Das Verblüffende ist ja, dass es in diesem Film kaum Ruhe gibt, ständig ist Steuben auf der Pirsch und hat sein großes Verführungsprogramm am Laufen, aber er demontiert sich selbst dabei. Und so zerfallen Leitmotive auch wieder und ich kann sie zu neuen Bögen fügen. Musik kann so viel einem Film geben, sie kann ihn leicht und trivial machen oder beschweren bis hin zum völligen Stillstand. Ich hab mich für die Virtuosität entschieden.

Wie sieht es mit der Besetzung aus? Das ensemble recherche spielt sonst oft in kleinerer Besetzung ...

Ich habe ganz einfach die Stammbesetzung der drei Bläser (Flöte, Oboe, Klarinette) und drei Streicher (Violine, Bratsche, Cello) plus Schlagzeug und Klavier erweitert. Nämlich um eine Gitarre/Banjo, das brauchte ich für die Einsprengsel von Volksmusik, um eine Trompete, ganz wichtig für Steuben, und um einen Kontrabass. Mit diesem Instrumentarium war ich flexibel, konnte mit der Musik sehr witzig werden und habe mich stellenweise der Popmusik angenähert. Mir war es wichtig, den Film zu öffnen und dafür brauchte ich eine ganz Bandbreite musikalischer Stimmungen.

War diese Begegnung mit dem Stummfilm eine Bereicherung für Ihr kompositorisches Schaffen oder reicht der einmalige Versuch?

Das war schon eine wichtige Erfahrung, Musik für ein großes Publikum zu schreiben. Und natürlich ist das Filmmusik, ohne den Film würde meine Musik nicht funktionieren. Aber es war ein Brocken, wie gesagt, schon wegen der Länge!

Wie schwer hat es Ihnen Stroheim gemacht oder anders gefragt: Was kann Musik einem Film geben, der an sich schon so präzis und straight erzählt ist? Wie viel Freiheiten ließ Ihnen der Film?

Leicht hat er es mir nicht gemacht, aber ich wollte mich auf keinen Fall auf Kosten des Films profilieren oder gar so ein schwachsinniges Konkurrenzverhältnis etablieren. Mir ging es vielmehr darum, einen Stil zu finden, der passt, und bei dem ich mich als Komponist nicht verrate. Also etwa in die Richtung 'modern-klassisch', aber nicht als dünne Suppe, sondern mit einer gewissen Dichte, gewonnen aus der Tatsache, dass man durch Musik einfach mehr sieht. Kleine Anstrengungen nicht ausgeschlossen.
Textquelle/Interview: ARTE TV; Foto: Stummfilm Magazin