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richard siedhoff 1 250 Von 29. August bis 08. September 2021 findet im Lichthaus Kino sowie im Deutschen Nationaltheater die III. Weimarer Stummfilm-Retrospektive statt.

Die Filmschau unter dem diesjährigen Motto "Im Kreise der Unsterblichen" rückt mit seinem außergewöhnlichen Konzept jedes Jahr Stummfilme, die vor hundert Jahren in den Weimarer Kinos liefen, in den Mittelpunkt. Die Retrospektive findet im Rahmen des Kunstfestes Weimar statt.

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Ein besonderes Highlight ist die klangvolle Neupremiere der neuen Orchester-Komposition von Richard Siedhoff, Preisträger des Deutschen Stummfilm-Preises 2020, zu Fritz Langs frühen Meisterwerk "Der müde Tod" am 4. September 2021 an gleich zwei aufeinanderfolgenden Terminen, um 16:00 sowie um 20:00 Uhr. Es spielt die Staatskapelle Weimar unter der Leitung des renommierten Stummfilm-Dirigenten Burkhard Götze im Großen Haus des Deutschen Nationaltheaters Weimar.

Die Originalmusik zum Film von Giuseppe Becce ist verschollen. Richard Siedhoffs neuer, farbenprächtiger Komposition gelingt der Spagat zwischen zeitgenössischer und historischer Stummfilmmusik und verschmilzt mit dem Film zu einer homogenen Einheit: Bild und Musik ergänzen sich auf kongeniale Weise und ermöglichen so einen einzigartigen und überaus mitreißenden Seh- und Hörgenuss.

Interview mit Richard Siedhoff

Der expressionistische, bildgewaltige Episodenfilm von Fritz Lang mit dem Untertitel "Ein Volkslied in sechs Versen" kam am 06. Oktober 1921 in die Kinos und erzählt vom Ringen einer Jungvermählten mit dem zu Fleisch gewordenen Tod. Mit "Der müde Tod" schuf Fritz Lang ein atmosphärisch dichtes Epos, dessen opulente Ausstattung und filmische Raffinesse noch heute ein begeistertes Publikum finden. Auch die kunstvollen Zwischentitel verleihen dem Film ein besonderes Flair.

Trailer zur III. Weimarer Stummfilmretrospektive „Im Kreise der Unsterblichen“ auf YouTube

Weitere 14 Filme, die vor 100 Jahren die Weimarer Spielpläne bestimmten und nun wieder in Weimar anlässlich der Retrospektive zu erleben sind, laufen mit Live-Musikbegleitung von international renommierten Stummfilmmusiker*innen im Lichthaus Kino Weimar. Die musikalischen Gäste sind in diesem Jahr: Matthias Hirth (Leipzig), Daan van den Hurk (Niederlande), Camile Phelep (Paris/Berlin), Tobias Rank (Leipzg), Richard Siedhoff (Weimar), Mykyta Sierov (Kiew/Weimar) und die Kino-Organistin Anna Vavilkina (Moskau/Berlin). Desweiteren wird Freunden der klassischen Musik eine Einspielung der beeindruckenden Originalmusik des schwedischen Komponisten Armas Järnefelt zu dem Film "Das Lied der glutroten Blume" von 1919 ermöglicht.

Ausgewählte Filme werden begleitet von Vorträgen und Einführungen renommierter Film- und Medienwissenschaftler: Norbert Aping (Autor), Karola Gramann und Prof. Dr. Heide Schlüpmann (Asta Nielsen Archiv, Frankfurt a.M.), Martin Koerber (Stiftung Deutsche Kinemathek), Dr. Philip Stiasny (Filmuniversität Babelsberg), Dr. Anett Werner-Burgmann (Berlin).

Die III. Weimarer Stummfilm-Retrospektive wird veranstaltet vom Lichthaus Kino Weimar, der Bauhaus-Universität Weimar sowie dem Stadtarchiv Weimar in Kooperation mit dem Kunstfest Weimar.

Zur neuen Musik von Richard Siedhoff

Richard Siedhoff, Preisträger des Deutschen Stummfilm-Preises 2020, schuf für "Der müde Tod" eine Komposition für kleines Orchester im spätromantischen Stil, in der die unterschiedlichen Handlungswelten musikalisch ausgekostet werden. Nimmt man das Totenreich hinzu, so spielt dieser narrativ außergewöhnliche Film in fünf völlig unterschiedlichen Welten, welche musikalische Vielseitigkeit einfordern: Das biedermeierliche Städtchen erhält volksliedhafte Töne und satirische Ländler, immer wieder unterbrochen von der mystischen Erscheinung des personifizierten Todes. Wild, aufgeheizte und temperamentvoll ist die Musik der orientalischen Episode, während im Venedig zarte, kammermusikalische, an Minnesang erinnernde Passagen auf wilde renaissanceartige Karnevalsmusik und barocke Fugen treffen. Im China erhält das, was allgemein in der europäischen Kunstmusik als „chinesisch“ konnotiert ist, parodistische Züge, gepaart mit Gershwin‘esken Jazz-Passagen. Alle Episoden eint jedoch das unvergängliche Schicksalsthema und das immer wieder der couleur locale unterworfene Liebesmotiv.

Zum Inhalt von "Der müde Tod"

Als geheimnisvoller Fremder ist der Tod in eine altdeutsche Kleinstadt eingezogen. Sein Totenreich verbirgt er hinter einer unüberwindbaren Mauer nahe dem Friedhof. Der Frau muss er den Geliebten entführen. Sie folgt ihm ins Totenreich und fordert den Geliebten zurück. Der Tod will ihr den Wunsch erfüllen, wenn es ihr gelingt, durch Liebe eines von drei vergehenden Lebenslichtern zu retten. Es entspinnen sich raffinierte Episoden im alten Orient, dem Venedig der Renaissance und im kaiserlichen China. Doch der Tod scheint wiederum unbesiegt, bis sich eine dramatische Wendung anbahnt. Kann die Liebe über den Tod siegen?

Credits von "Der müde Tod"

Titel: "Der müde Tod"
Regie: Fritz Lang
Darsteller: Lil Dagover, Walter Janssen, Bernhard Goetzke, Hans Sternberg, Carl Rückert, Max Adalbert
Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
Kamera: Erich Nitzschmann, Hermann Saalfrank, Fritz Arno Wagner
Ausstattung: Walter Röhrig, Hermann Warm, Robert Herlth
Produktionsfirma: Decla-Bioscop AG, Berlin
Produzent: Erich Pommer
Uraufführung: 06. Oktober 1921 in den Berliner Kinos U.T. Kurfürstendamm und Mozartsaal
Aufführungen in Weimar: 9 Aufführungen vom 25.11.1921 bis 28.11.1921 in den Reform-Licht-Spielen

Programm der III. Weimarer Stummfilm-Retrospektive

Alle Termine der III. Weimarer Stummfilm-Retrospektive, bis auf die zwei Premierentermine von "Der müde Tod" am 04.09.2021 im Deutschen Nationaltheater Weimar, finden im Lichthaus Kino (Am Kirschberg 4, 99423 Weimar) statt.

Sonntag, 29. August 2021
18:00 Uhr: Cinessage
19.30 Uhr: Einführung von Dr. Philipp Stiasny über Friedrich II. im Stummfilm, anschließend "Die Tänzerin Barberina" mit Livemusik von Anna Vavilkina (Piano)

Montag, 30. August 2021
19.30 Uhr: "Der verlorene Schatten" mit Livemusik von Anna Vavilkina (Piano)

Dienstag, 31. August 2021
18:00 Uhr: Vortrag "Hamlet – Melancholie der Maskerade" von Prof. Dr. Heide Schlüpmann & Karola Gramann (Kinothek Asta Nielsen e. V., Frankfurt/M.)
19.30 Uhr: "Hamlet" mit Livemusik von Daan van den Hurk (Piano)

Mittwoch, 01. September 2021
19.30 Uhr: Einführung von Dr. Anett Werner-Burgmann über die Hintergründe der Verfilmung "Die Reise um die Erde in 80 Tagen" mit anschließender FIlmvorführung und Livemusik von Daan van den Hurk (Piano)

Donnerstag, 02. September 2021
19.30 Uhr: Einführung von Richard Siedhoff über die Rekonstruktion der Originalmusik zu "Das Lied von der glutroten Blume", anschließend Vorführung der Neuaufnahme der Originalmusik von Armas Järnefelt (1919) in der Rekonstruktion von Jaakko Kuusisto (2019) unter dessen Leitung

Freitag, 03. September 2021
19.30 Uhr: Einführung von Martin Koerber (Stiftung Deutsche Kinemathek) zur Rekonstruktion des Films "Die Jagd nach dem Tode", anschließend Teil I & II des Films mit Livemusik von Daan van den Hurk (Piano)

Samstag, 04. September 2021
16:00 und 20:00 Uhr: Uraufführung einer neuen Musik von Richard Siedhoff zu Fritz Langs "Der müde Tod" im Großen Haus des Deutschen Nationaltheaters mit Livemusik der Staatskapelle Weimar unter Leitung von Burkhard Götze

Sonntag, 05. September 2021
15:00 Uhr: Kinder- und Jugendprogramm "Rübezahls Hochzeit" mit Livemusik von Camille Phelep (Piano), im Anschluss an den Film Blick hinter die Kinokulissen
18.30 Uhr: Einführung "Chaplin kommt nach Deutschland" von Norbert Aping
19.30 Uhr: "Die Chaplin-Quelle" mit Livemusik von Richard Siedhoff (Piano) und Mykyta Sierov (Oboe), anschließend "Der kleine Muck" mit einer Einführung von Jens Riederer und Livemusik von Tobias Rank (Piano); Nachgespräch mit Norbert Aping

Montag, 06. September 2021
18:00 Uhr: Einführung und Podiumsdiskussion zum Orientalismus und den Nachwehen der deutschen Kolonialzeit im Kino der 1920er Jahre
19.30 Uhr: "Die Jagd nach dem Tode – Teil III" mit Livemusik von Richard Siedhoff (Piano)

Dienstag, 07. September 2021
19.30 Uhr: "20.000 Meilen unter See" mit Livemusik von Matthias Hirth (Elektronische Klangkomposition)

Mittwoch, 08. September 2021
19.30 Uhr: "Das Wunder des Schneeschuhs – Teil I"  und "Die Jagd nach dem Tode – Teil IV" mit Livemusik von Richard Siedhoff (Piano) und Mykyta Sierov (Oboe)

Eine Würdigung von „Der müde Tod“ ist auf stummfilm-magazin.de im Rahmen der Initiative "100 Jahre Stummfilm-Klassiker der Weimarer Republik" zu finden: www.stummfilm-magazin.de/100-jahre/filme-1921.html

Foto: privat