hanns eckelkamp 250Ein Nachruf von Rolf Giesen auf den Filmkaufmann und Juristen Hanns Eckelkamp (1927-2021)

In der Nacht zu Donnerstag, den 5. August 2021, starb in Berlin im Alter von 94 Jahren Hanns Eckelkamp, einer der letzten aus der alten Garde deutscher Kino- und Verleihleute. Untrennbar verbunden ist sein Name mit dem kleinen weißen „a“ in schwarzem Kreis, der Trademark von Atlas Film.

Eckelkamp, geboren an einem Rosenmontag, war der Sohn eines Münsteraner Gastronomen, der, weil er "die Leute nicht besoffen machen" wollte, den großen Tanzsaal der Gastwirtschaft in ein Kino umfunktionierte, nachdem er mit Begeisterung Hans Steinhoffs "Rembrandt" und Veit Harlans Agfacolor-Drama "Goldene Stadt" gesehen hatte. Geprägt hatte ihn, wie die meisten anderen seines Alters, die HJ, aber auch der geistliche Einfluss des Kaplans Clemens Konermann, der den Nazis, wie sein Bischof Graf von Galen, skeptisch gegenüberstand. Im Dezember 1941 erlebte der junge Eckelkamp die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus Münster und Umgebung. Zwei Nächte wurden die Unglücklichen im Gertrudenhof der Eckelkamps untergebracht: „Es war bitter kalt, und mein Vater hatte geheizt, damit die armen Menschen nicht froren.“

Im Mai 1946 wurde der Gertrudenhof mit dem Willi-Forst-Lustspiel "Operette" wiedereröffnet. Das Konzept erwies sich als sehr erfolgreich. Ein Jahr später lief hier zum ersten Mal Eckelkamps Evergreen "Kinder des Olymp". Bald ergab sich die Möglichkeit, nach Duisburg zu expandieren. 1949 wurde dort das Deli Theater übernommen, später kam, als Flaggschiff, der Europa Palast in der Düsseldorfer Straße mit zahlreichen Premieren dazu.

Damals liefen Reprisen noch gut. Auch Wiederaufführungen machten Kasse: "Eines Tages kam ein Journalist zu mir und erzählte mir, wie toll der '12 Uhr mittags' mit Gary Cooper sei. Es ist mir dann gelungen, von United Artists eine 25-prozentige Verleihbeteiligung an dem Film 'High Noon' zu erwerben. Wir haben ihn im Atelier im Europa Palast herausgebracht, prädikatisiert, neu synchronisiert und, mit einem modern gestalteten Plakat des Grafiker-Paares Fritz Fischer und Dorothea Fischer-Nosbisch, als Westernklassiker aufgemacht. Und hatten mehr Tageskasse als mein damaliger Verleih-Partner Sonderfilm Zwicker, der den Film mit normaler Werbung in Hamburg gestartet hatte. Da habe ich gemerkt, dass an dem Konzept einer grafisch anspruchsvollen Reklame etwas dran ist, und bin den Verleih eingestiegen."

Gemeinsam mit Karl-Heinz Dietz, seinem zeitweiligen Partner, erwarb Eckelkamp junior die Verleihbezirke Düsseldorf und Hamburg der Münchner Donau-Film-Gesellschaft, einschließlich ihres Reprisen-Hits "Die Feuerzangenbowle", der ihn bis zum Lebensende begleiten sollte. Im Herbst 1959 wurde aus Donau-Nord-West (und dem Verleih von Gustav Türck) der Atlas Filmverleih, der anspruchsvolle Filme aus dem Programm des Filmhändlers Leo Kirch mit noch anspruchsvollerer Werbung und Plakatkunst von Fischer-Nosbisch, Karl Oskar Blase, Michel + Kieser, Heinz Edelmann oder Jan Lenica in die bundesdeutschen Kinos brachte.

Einer der engsten Mitarbeiter wurde Ernst Liesenhoff, der von der Neuen Filmkunst in Göttingen kam, während ein anderer ehemaliger Göttinger, Werner Schwier ("Es darf gelacht werden"), für Kirch japanische Filmkunst und amerikanische Slapsticks einkaufte.

Kirch und Atlas platzierten 1962 mit einigem Erfolg (gegen Chaplins Einspruch) "Goldrausch" und den "General" im deutschen Kinoprogramm. In einer alten Adler-Lokomotive fuhr Buster Keaton persönlich mit steinerner Miene auf seiner Werbetournee für den "General" in dreizehn westdeutsche Bahnhöfe ein. Nur Hamburg musste ausfallen, der Sturmflut wegen.

Eckelkamps Ambitionen waren verwegen. Er kaufte, wie er einmal selber zugab, Filme "ohne Rücksicht auf Verluste". Soliden Wiederaufführungserfolgen standen Erstaufführungen auch des Neuen Deutschen Films gegenüber: "Aus Oberhausen, das ja in nächster Nachbarschaft zu Duisburg lag, kam der Junge Deutsche Film, ein Begriff, den wir mit unserer Werbung propagierten. Als die Kinos Bölls "Brot der frühen Jahre" nicht spielen wollten, habe ich auf allen Litfaßsäulen plakatieren lassen, in der Hoffnung, dass die Leute die Kinobesitzer fragen würden, wann der Film bei ihnen läuft." Sie haben nicht gefragt. Eckelkamps Verleih fuhr Verluste ein.

Nach einem Zwischenerfolg 1963 mit Ingmar Bergmans "Das Schweigen" ("Tystnaden"), der in der Bundesrepublik 10 Millionen Mark einspielte (den Gewinn musste Eckelkamp allerdings mit Kirch teilen) und den drohenden Konkurs hinauszögerte, engagierte sich der Verleiher zusammen mit seinem Programmleiter Gert Berghoff und Erwin Leiser auch für den klassischen deutschen Film und brachte, inspiriert von Lotte Eisners Buch "Die dämonische Leinwand", Stummfilmklassiker wie "Das Cabinet des Dr. Caligari", "Der müde Tod", "Dr. Mabuse der Spieler", "Nosferatu" und "Der letzte Mann" auch international mit einer neuen Musikspur versehen heraus. Konrad Elfers und Peter Schirmann, beide von Werner Schwier "entdeckt", komponierten die Musik. Schirmann erinnert sich, wie Leiser mit ihm in Duisburg in Frage kommende Filme sichtete und gelegentlich dazu "völkische Lieder" summte, als wolle er Siegfried Kracauers "Von Caligari zu Hitler" kommentieren. Schirmann spielte seine Musik in einem Tonstudio von Wenzel Lüdecke in Berlin-Lankwitz mit Musikern des SFB ein.

Derweil erwarb Eckelkamp in Polen die Weltrechte der Großfilme "Pharao" und "Legionäre", steckte eine Viertelmillion Mark in Jacques Tatis 70mm-Film "Playtime", begann unter der Regie von Bernhard Wicki, nach Max Frischs "Asche eines Pfeifenrauchers", ein gemeinsames Projekt von Film und Fernsehen, das nach fünf Drehtagen abgebrochen werden musste. "Transit" (so der geplante Titel) "war der teuerste Filmstreifen meiner Laufbahn. Die paar Minuten mit Ernst Schröder kosteten 250.000 Mark." Es wurden sogar die Verleihrechte von ausgesprochenen NS-Filmen erworben: "Kolberg", "Der große König" usw.

1967 war Eckelkamps Haar über Nacht schlohweiß geworden. Die Schulden beliefen sich auf über vier Millionen Mark. Der Konkurs war unabwendbar. Der Atlas-Kuchen wurde auf mehrere Auffangfirmen verteilt. Noch einmal ging Eckelkamp mit einer Eckelkamp Verleihgesellschaft baden, ebenso die von abtrünnigen Mitarbeitern gegründete Alpha Filmgesellschaft.

Der Name Atlas aber überlebte, vor allem durch seinen (durch Club- und kommunale Kinos gestützten) 16mm-Verleih, den zuerst Paul Liwa, später Raimund Franken zum führenden Anbieter auf dem Schmalfilmmarkt ausbaute – bis auch auf diesem Feld nichts mehr ging – durch Atlas Air und Atlas Maritim, die Lufthansa und Kreuzschifffahrt mit Filmprogrammen versorgten; durch das junge Medium VHS und später DVDs. Eckelkamp konnte sogar wieder Geld in Filmproduktionen stecken, in Fassbinders "Ehe der Maria Braun" oder in Peter F. Bringmanns "Theo gegen den Rest der Welt". Wäre es nach ihm gegangen, hätte Fassbinder noch einen Rosa-Luxemburg-Film mit Jane Fonda und "1984" nach George Orwell gemacht. Fassbinder starb anderthalb Jahre vor 1984. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Co-Produzenten war ohnehin zwiespältig. Eckelkamp: "Er sah in mir wohl nur einen Kaufmann."

Obwohl er seine alten Atlas-Engagements 1996 an Kinowelt verkauft hatte, blieb er bis zuletzt aktiv in seinem kleinen Wohn-Büro in der Sächsischen Straße in Berlin, initiierte einen Dr. Mabuse-Stoffwettbewerb, erwarb über eine Agentur von Henrik Galeens Erben die (inzwischen ausgelaufenen) Drehbuch-Rechte von Nosferatu.

Bis zum Lebensende blieb Eckelkamp ein geradezu standhafter Film-Enthusiast, auch wenn er, dem hohen Alter geschuldet, zunehmend vergesslich wurde. Als an seinem 90. Geburtstag ein Enkelkind anrief, um zu gratulieren, wusste er schon nicht mehr, um was für ein Enkelkind es sich überhaupt handelte, und sah mich ratlos an.

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