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100 jahre stummfilm klassiker logo 250Am 20. Dezember 1918, wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Weimarer Republik, wurde im Berliner Kino "Union-Theater Kurfürstendamm" das Drama "Carmen" uraufgeführt.

Unter der routinierten Regie von Ernst Lubitsch zog Pola Negri alle Register ihres schauspielerischen Könnens. Der Film war nicht nur in Deutschland, sondern auch international ein Erfolg: So lief er in den USA, von positiven Kritiken begleitet, unter dem Titel "Gypsy Blood" in den Kinos. Autor Arndt Pawelczik stellt für die Stummfilm Magazin-Initiative 100 Jahre Stummfilm-Klassiker der Weimarer Republik das Werk vor.

Pola Negri tanzt sich in die Herzen der Zuschauer

Die Geschichte ist wohlbekannt: Im Sevilla des frühen neunzehnten Jahrhunderts lebt die Zigeunerin Carmen (Pola Negri). Tagsüber arbeitet sie als Zigarrendreherin, abends tanzt sie und verdreht den Männern den Kopf. Nachdem sie in der Zigarrenfabrik in eine Messerstecherei gerät, wird sie von Sergeant José (Harry Liedtke) festgenommen.

Aber auch José verfällt ihr und verhilft Carmen zur Flucht. Daraufhin wird er degradiert und selbst eingesperrt. Nun versucht Carmen ihn zu befreien, indem sie den Gefängniswärter becirct. Aber José denkt an seine Verlobte und entscheidet sich, die Strafe lieber abzusitzen. Carmen bandelt derweil mit einem Offizier an. Aus der Haft entlassen freut sich José keineswegs, als ihn seine Verlobte besucht. Lieber trifft er sich mit Carmen. Im intimen Moment vom Offizier überrascht, ersticht José diesen und muss fortan das Leben eines Verbrechers in Carmens Schmugglerbande führen. Aber Carmen verliebt sich – und diesmal richtig – in den Stierkämpfer Escamillo. Das kann José nicht ertragen. Er tötet die Geliebte.

Prosper Mérimée schrieb die Novelle "Carmen" im Jahr 1847, 1875 hatte Georges Bizets darauf basierende Oper ihre Uraufführung und bis 1918 war der Stoff bereits neunzehn Mal verfilmt worden, unter anderem von Cecil B. DeMille, Raoul Walsh und Charlie Chaplin. Aber wer Ernst Lubitschs Film heute sieht, kann keinen Zweifel daran haben, dass Pola Negri die einzig wahre Carmen ist. Sie macht sich die nicht einfache Rolle vollkommen zu eigen und gibt ihr Tiefe und Komplexität. Sie lässt uns das Lebensgefühl dieser jungen Frau außerhalb aller Konventionen nicht nur nachvollziehen, sondern feiern. Gleichzeitig ist nachvollziehbar, dass José ihr verfällt.

Pola Negris Darstellung ist hin- und mitreißend, vor allem in den zwei Tanzsequenzen im Film. Aber jeder Augenaufschlag, jede Drehung des Körpers ist bemerkenswert. Die Negri dominiert alles um sie herum, bis sie auf Escamillo trifft. Hier ändert sich ihr Auftreten schlagartig und es vermittelt sich dem Zuschauer deutlich, dass das keine Koketterie ist. Carmen, die alle Männerherzen gebrochen hatte, ist nun selbst verfallen.

Ernst Lubitsch überlässt seiner Hauptdarstellerin völlig die Bühne. Die Kamera schmeichelt Pola Negri durch den Film und fängt ihre Stimmungen in Großaufnahmen ein. Lediglich Harry Liedtkes José erfährt ab und zu noch ähnliche Beachtung. Alle anderen Charaktere werden zu Randfiguren, oft in komischen Vignetten. Alles dreht sich hier um Carmen und das Sevilla des Films ist lediglich ihre Bühne. Aber was für eine Bühne! "Carmen" ist Ernst Lubitschs erster Großfilm und er schwelgt hier lustvoll in aufwendigen Bauten und Kostümen. Hunderte von Komparsen strömen durch die minutiös nachempfundenen Straßen und Plätze.

Lubitsch blickte in einem Beitrag für die "Luxusnummer" der Lichtbild-Bühne für die Jahre 1924/1925 zurück: "Ein Kostümfilm! Mit Massen (was man damals Massen nannte). Und – die deutsche Filmindustrie hielt uns  für wahnsinnig – mit richtigen Bauten in Tempelhof. [...] Davidson hatte Zutrauen zu dem Film und bewilligte Beträge, die allen Nichtfachleuten damals unverständlich waren – heute braucht man sie an einem Tag. Die Komparserie großen Stils wurde erfunden, und als unsere paar hundert Mann in Tempelhof als spanisches Volk paradierten, war eine neue Epoche für die Statisterie angebrochen."

Sowohl Ernst Lubitsch als auch Pola Negri verdanken ihre Filmkarrieren zu einem großen Teil dem Wirken des Berliner Theaterzars Max Reinhardt. Er hatte Lubitsch 1911 ein Engagement am Deutschen Theater gegeben und 1918 die polnische Schauspielerin für die Warschauer Aufführung seiner Pantomime "Sumurn" gewonnen. Lubitsch und Negri drehten sieben Filme zusammen, sechs in Deutschland und den siebten, "Forbidden Paradise", 1924 in Hollywood, wohin beide 1922 übergesiedelt waren. Die Verträge dort erhielten Lubitsch und Negri, als nach dem außergewöhnlichen Erfolg von "Madame Dubarry" (1919) auch "Carmen" unter dem Titel "Gypsy Blood" in den USA die Kinosäle füllte.

In der Kritik aus Picture Play aus dem Jahre 1921 klingen die chauvinistischen Vorbehalte durchaus noch an, aber die Qualität des Produktes weiß dennoch zu überzeugen: "Auch wenn man mich vielleicht eines Mangels an Patriotismus beschuldigen wird, möchte ich doch einem weiteren ausländischen Film einen Orden anheften. Pola Negri, die Dubarry aus "Passion", hat wieder zugeschlagen. [...] Lubitsch und Pola Negri haben Lametta und Fransen über Bord geworfen. La Carmencita, wie sie von Fräulein Negri gespielt wird, ist ein übel beleumundetes, vulgäres und rauhbeiniges Zigeunermädchen. [...] "Gypsy Blood" ist nicht so geleckt und technisch vollkommen wie unsere amerikanischen Produktionen, aber der Film hat Feuer, Schmiss und ab und zu blitzt echte Inspiration auf."

Ernst Lubitsch wurde in Hollywood zum Starregisseur und mit seinem '"Lubitsch-Touch" stilbildend für das Genre der leichten erotischen Komödie. Der Erfolg blieb ihm bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1944 treu. Pola Negris Karriere in Hollywood war eher wechselhaft. Schlagzeilen machte sie vor allem durch ihre Liaison mit Rudolph Valentino. In den Dreißiger Jahren kehrte sie in das Deutschland des Dritten Reiches zurück und drehte noch einige Filme in Berlin.

Autor: Arndt Pawelczik

Credits
Titel: Carmen
Regie: Ernst Lubitsch
Drehbuch: Hanns Kräly, Norbert Falk
Kamera: Alfred Hansen
Bauten: Kurt Richter, Karl Machus
Darsteller: Pola Negri (Carmen), Harry Liedtke (Don José Navarro), Leopold von Ledebur (Stierkämpfer Escamillo), Grete Diercks (Don Josés Braut Dolores), Paul Biensfeldt (Schmuggler Garcia)
Produktionsfirma: Projektions-AG »Union« (PAGU) (Berlin)
Produzent: Paul Davidson
Uraufführung: 20.12.1918, Berlin, U.T. Kurfürstendamm

Weitere Informationen zum Film
Wikipedia 
Filmportal 
IMDB

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