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bubikopf 1920 er jahre 250Um Lust und Lachen im amerikanischen Stummfilm der 1920er Jahre geht es in der Filmreihe "Flapper, It-Girls, Funny Ladies", die von 17. September bis 19. Dezember 2021 im Zeughauskino Berlin gezeigt wird.

Wer den Stummfilm und das Lachen liebt, den erwarten bei der von Philipp Stiasny und Frederik Lang kuratierten Filmreihe die komischen, anarchischen Filme des Jazz Age. Mabel Normand und Marion Davies, Gloria Swanson und Clara Bow, Colleen Moore und Norma Talmadge waren in den 1920er Jahren weltberühmt. An Witz, Schlagfertigkeit und Körperkomik nahmen sie es locker mit ihren männlichen Kollegen Charlie Chaplin, Buster Keaton, Stan Laurel & Oliver Hardy auf. Ihre Komödien drehen sich um romantische Verwicklungen, um finanzielle Unabhängigkeit, Freude am Konsum und an der eigenen Körperlichkeit. Sie präsentieren neue Rollenbilder und begehren auf gegen Konventionen, Patriarchen und antiquierte Lebensverhältnisse.

Die Filme parodieren und persiflieren, ihre weiblichen Figuren sind rebellisch, eigensinnig und lebensfroh. Sie sind Höhepunkte der komischen Kunst. Die Filme der amerikanischen Stars gingen um die Welt. Auch in Berlin waren sie zu sehen und dienten jungen Frauen als Vorbilder in Fragen zeitgenössischer Mode, der Selbstermächtigung und sexuellen Ausstrahlung. Für all das steht die Figur des quicklebendigen Flappers, die auch im deutschen Kino auf große Resonanz stieß.

Heute erwachen die Filme der "Funny Ladies" zu neuem Leben, beflügelt durch die Archivforschungen von Maggie Hennefeld, Steve Massa und Kristen A. Wagner, die im Rahmen der Filmreihe auch Einführungen halten werden. Zum Vorschein kommt eine vielfältige Schauspielkunst, die Gendervorstellungen über den Haufen wirft und Normen sprengt.

Rückenwind bekommen die Komikerinnen durch Musiker*innen aus dem In- und Ausland: Sie begleiten die Filme live und verwandeln das Zeughauskino in einen Konzertsaal, öfter auch in einen heißen Jazzclub. Die Reihe "Flapper, It-Girls, Funny Ladies" wird gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

Programmübersicht

Eröffnung der Filmreihe am Freitag, 17. September 2021, um 19:00 Uhr
Gloria Swanson haut alle um in "Stage Struck" (USA 1925)

Gloria Swanson in einer Doppelrolle: Sie spielt einen verwöhnten Bühnenstar und zugleich die junge Kellnerin Jenny in der Provinz, die unbedingt Schauspielerin werden will. Dafür steigt sie sogar in den Boxring. Tatsächlich konnte Gloria Swanson alles: Sie verkörperte überlebensgroße Diven, widerborstige Ehefrauen in Beziehungskomödien, den Tollpatsch in turbulenten Slapstick-Filmen, immer biegsam und temperamentvoll. So wurde sie Hollywoods bestbezahlter Filmstar der 1920er Jahre. In Stage Struck offenbart sich ihr ganzes humoristisches und parodistisches Können: Kitsch und Komik, Alltagsleben und Kunstwelt prallen lustvoll aufeinander.

In Deutschland lief der Film unter dem Titel "Theaterfimmel". Verzückt schrieb Kurt Pinthus über Swanson: "Sie muß als der erste weibliche jugendliche Exzentriker des Films gelten, drollig in jeder Begegnung der geschmeidigen Beine, der krabbeligen Hände und ihres elastischen Hinterteils, das mehr Komik ausdrückt als das Antlitz jedes europäischen Filmhumoristen. Sie ist mehr als ein Gamin: ein quicker Clown – und trotzdem immer anmutig-mädchenhaft; noch die Verzerrungen ihres Leibes und ihrer Mimik sind lieblicher als die süßlichste Süßlichkeit ihrer Filmschwestern." (Das Tage-Buch, 2.10.1926)

Eine Einführung halten die Kuratoren Philipp Stiasny und Frederik Lang. Zum Film wird eine von Frido ter Beek komponierte Musik uraufgeführt, gespielt von Maud Nelissen (Flügel), Daphne Balvers (Sopran- & Altsaxophon) und Frido ter Beek (Alt- & Baritonsaxophon, Perkussion. Maud Nelissen (Doorn) gehört zu den international renommiertesten Stummfilmmusikerinnen und -komponistinnen der Gegenwart. Nach einer Ausbildung als klassische Konzertpianistin in Utrecht machte sie ihre Leidenschaft für den Stummfilm zum Beruf. Als Solistin gastierte sie u.a. in San Francisco, Paris und Bangkok. Regelmäßig tritt sie auch mit ihrem Ensemble "The Sprockets" auf. Die Saxophonistin Daphne Balvers (Amersfoort) hat in Hilversum und Amsterdam Musik studiert, war Mitglied im "Amsterdam Saxophon Quartet" und leitet das Saxophonorchester "Saxoholics". Frido ter Beek (Buenos Aires) ist Jazzsaxophonist und Percussionist. Er studierte Musik am Konservatorium in Utrecht. Seit 2015 lebt er in Buenos Aires und spielt dort in verschiedenen Jazzbands und Orchestern. Daphne Balvers und Frido ter Beek sind Mitglieder von "The Sprockets".

Samstag, 18. September 2021 um 18:00 Uhr
Die Frau mit dem „gewissen Etwas“: Clara Bow in It (USA 1927)

Wie angelt man sich einen Millionär? Mit Witz und Sexappeal spielt Clara Bow eine Verkäuferin in einem Warenhaus, etwas durchtrieben und kratzbürstig, romantisch, nie käuflich. Clara Bow erweist sich hier als die reinste Verkörperung des Flappers und des It-Girls mit sexueller Ausstrahlung: Ein wuschelköpfiges Energiebündel, das aussah wie ein Püppchen mit großen Kulleraugen, dabei aber arbeitstätige Frauen spielte, die genau wussten, wann sie träumen durften und wann nicht. Bow wurde zum Sinnbild einer neuen Generation von Frauen, deren Körperlichkeit, Kleidung und Habitus und deren Freude am Jazz und Lust am Tanzen so ansteckend wie revolutionär wirkten.

In Deutschland kam der Film mit zwei Jahren Verspätung unter dem Titel "Das gewisse Etwas" in die Kinos: "Clara Bow hat eine Bombenrolle (…). Bald Wildkatze, bald Schmeichlerin und immer keck und lustig spielt sie mit den Männern, die nichts anderes zu tun wissen, als ihr Eheanträge zu machen." (Vorwärts, 26.2.1929)

Zur Aufführung ist eine Komposition von Maud Nelissen zu hören, gespielt von Maud Nelissen (Flügel), Daphne Balvers (Sopransaxophon) und Frido ter Beek (Altsaxophon & Perkussion). Maud Nelissen (Doorn) gehört zu den international renommiertesten Stummfilmmusikerinnen und -komponistinnen der Gegenwart. Nach einer Ausbildung als klassische Konzertpianistin in Utrecht machte sie ihre Leidenschaft für den Stummfilm zum Beruf. Als Solistin gastierte sie u.a. in San Francisco, Paris und Bangkok. Regelmäßig tritt sie auch mit ihrem Ensemble "The Sprockets" auf. Die Saxophonistin Daphne Balvers (Amersfoort) hat in Hilversum und Amsterdam Musik studiert, war Mitglied im "Amsterdam Saxophon Quartet" und leitet das Saxophonorchester "Saxoholics". Frido ter Beek (Buenos Aires) ist Jazzsaxophonist und Percussionist. Er studierte Musik am Konservatorium in Utrecht. Seit 2015 lebt er in Buenos Aires und spielt dort in verschiedenen Jazzbands und Orchestern. Daphne Balvers und Frido ter Beek sind Mitglieder von "The Sprockets".

Samstag, 25. September 2021 um 18:00 Uhr
Harte Schale, weicher Kern: Norma Talmadge in "Kiki" (USA 1926)

Ein armes Straßenmädchen ergattert frech und draufgängerisch die Rolle eines Chorus-Girls in einer Revue – und gewinnt das Herz des Theaterdirektors. Norma Talmadge, die bis dahin vor allem in Melodramen aufgetreten war, begeistert als Göre mit harter Schale und weichem Kern. Da wurden auch die Berliner Kritiker schwach: „Ihre Kiki ist ein ganz bezauberndes Geschöpf. Zusammengesetzt aus gaminenhafter Grazie, fröhlichster Ausgelassenheit, frischem Humor und echtem ungekünsteltem Gefühl. Man muß das sehen, wie sie diese Kiki spielt. (…) Das Lachen nimmt kein Ende bei diesem besten Filmlustspiel der letzten Zeit.“ (Berliner Morgenpost, 22.2.1927)

Begleitet wird der Film von Camille Phelep am Flügel. Die Französin ist Konzertpianistin und hat in Rennes, Boulogne-Billancourt und Genf studiert. Als preisgekrönte Solistin und Ensemblemusikerin gastierte sie u.a. in Paris, London, Salzburg und Hamburg. Daneben ist sie auch Theatermusikerin und tourt unter dem Namen Living Cartoon Duet mit der Schauspielerin Sophie Lavallée. Seit 2013 begleitet sie Stummfilme, u.a. als Pianistin des auf Stummfilmmusik spezialisierten Metropolis Orchester Berlin. Camille Phelep lebt in Berlin.

Samstag, 2. Oktober 2021 um 20:00 Uhr
Im Kampf mit Lumpen und Löwen: Mabel Normand in "The Extra Girl" (1923)

Sue gewinnt beim Preisausschreiben eine Reise nach Hollywood und sieht sich bereits als großen Star. Doch in Kalifornien ist alles anders als gedacht: Sue findet Arbeit im Kostümfundus eines Studios, stolpert als Komparsin durch Filmaufnahmen und wird beinahe von einem Löwen aufgefressen. Auslöser der komischen Turbulenzen ist die unvergleichliche Mabel Normand, die beliebteste Slapstick-Schauspielerin ihrer Zeit. In "The Extra Girl" parodiert sie die Illusion von Ruhm und Glück in Hollywood.

Die Komikerinnen Anita Garvin und Marion Byron sind die Stars des Vorfilms "A Pair of Tights" (USA 1929). Als Duo waren sie die weibliche Antwort auf Stan Laurel und Oliver Hardy. Hier wollen die beiden sich ausführen lassen – und sorgen für eine ordentliche Prügelei.

Begleitet wird der Film von Stephan Graf von Bothmer (Berlin) am Flügel. Er hat an der Universität der Künste Berlin Klavier studiert und tritt seit über 20 Jahren im In- und Ausland in Kinos, Konzertsälen und Kirchen als Stummfilmmusiker auf, vielfach auch an der Orgel. Neben seiner Arbeit als Solist hat er u.a. neue Orchesterpartituren für "Die weiße Hölle vom Piz Palü", "Madame Dubarry" und "Zuflucht" geschrieben, die vom Staatsorchester Braunschweig uraufgeführt wurden.

Eine Einführung in englische Sprache hält Maggie Hennefeld. Sie ist Associate Professor of Cultural Studies and Comparative Literature an der University of Minnesota und Autorin eines vielbeachteten Buches über Komikerinnen im frühen Kino: "Specters of Slapstick and Silent Film Comediennes" (New York: Columbia University Press 2018).

Sonntag, 10. Oktober 2021 um 18:00 Uhr
Falsche Witwen, echte Komik: Louise Fazenda in "Footloose Widows" (USA 1926)

Noch einmal: Wie angelt man sich einen Millionär? Das fragen sich auch die beiden Mannequins Flo und Marian und geben sich kurzerhand als Witwen aus. Die Rollen sind klar verteilt: Jacqueline Logan ist "The Pretty One", Louise Fazenda "The Funny One". Anders als Logan war Fazenda durch und durch eine Komödiantin und stieg in den 1910er Jahren zum zweitgrößten weiblichen Comedy-Star neben Mabel Normand auf. Footloose Widows weist schon voraus auf die Krisenkomödien der Depressionsjahre mit ihren illusionslosen, nie um eine scharfe Antwort verlegenen Frauenfiguren. Fazenda spielt zurückhaltender und mehr "sophisticated" als in ihren früheren Slapstick-Exzessen, doch ihre Komik ist kein bisschen weniger amüsant.

Begleitet wird "Footloose Widows" von Eunice Martins (Berlin) am Flügel. Sie studierte an der Hochschule der Künste, Berlin und der Musikakademie Wiesbaden. Seit 2000 begleitet sie als Hauspianistin Stummfilme im Kino Arsenal. Sie gastierte bei zahlreichen internationalen Festivals, in Theatern und Kinematheken, u.a. in Italien, Brasilien, China und Taiwan.

Eine Einführung in englischer Sprache hält Steve Massa. Er ist Filmhistoriker und Autor mehrerer Bücher zum Stummfilm. In "Slapstick Divas. The Women of Silent Comedy" (Albany: BearManor Media, 2017) taucht er ein in die Welt der heute vergessenen Komödiantinnen der Stummfilmzeit und rekonstruiert fast 500 Biographien von Slapstick-Schauspielerinnen. Er ist daneben Kurator von Filmreihen, u.a. am Museum of Modern Art in New York und der Library of Congress in Washington.

Sonntag, 24. Oktober 2021 um 16:00 Uhr
Alles andere als mausgrau: Jenny Jugo als deutscher Flapper in "Die blaue Maus" (D 1928)

Ein einziges Verwirrspiel, das damit beginnt, dass eine junge Frau in ihrem Bett eingeklemmt wird und nach Hilfe ruft. Bevor der Retter am Ende im selben Bett landet, geht es um Aufstiegschancen und außereheliche Eskapaden. Im Mittelpunkt steht die vom neuen deutschen Star Jenny Jugo gespielte Besitzerin des Nachtlokals "Die blaue Maus", die kokett und pfiffig die Männer um den Finger wickelt. Jugo erscheint dabei als Idealbild des modernen, quicklebendigen, sportlichen Flappers. "Hier hat Jenny Jugo endlich einmal die Rolle, die sie braucht. In der sie ausgelassen wie ein Lausbub sein, lachen, lachen und wieder lachen kann, in der sie nach Herzenslust schelmisch und vergnügt sein darf." (B.Z. am Mittag, 17.11.1928)

"Die blaue Maus" ist nur in einer englischsprachigen Exportfassung überliefert. Begleitet wird der Film von dem Kirchenmusiker, Komponist und Jazzmusiker Nikolai Geršak am Flügel. Er ist Organist an der weitbekannten Woehl-Orgel in der mittelalterlichen St. Nikolauskirche in Friedrichshafen und leitet neben vielen Konzerten die Internationale Orgelakademie Bodensee. Neben einem breiten Orgelrepertoire hat sich Nikolai Geršak als Improvisator im Jazzbereich und als Stummfilmbegleiter einen Namen gemacht.

Samstag, 30. Oktober 2021 um 18:00 Uhr
Spiel mir das Lied vom Feuer: Clara Bow auf Männerjagt in "Mantrap" (USA 1926)

Ein unverheirateter New Yorker Scheidungsanwalt reist zur Erholung in die kanadische Wildnis, wo ihn im Dörfchen "Mantrap" eine wirkliche "Männerfalle" in Gestalt von Clara Bow erwartet. Sie spielt eine frisch aus der Großstadt importierte Maniküre. Den lose auf einem gesellschaftskritischen Roman von Sinclair Lewis basierenden Stoff verwandelten die Drehbuchautorinnen Adelaide Heilbron und Ethel Doherty in ein humoristisches Feuerwerk, mit dem Clara Bow der Aufstieg zum Superstar gelang. Ungeheuer dynamisch, sportlich, witzig verkörpert sie perfekt das neue Frauenbild des Jazz-Zeitalters, der ersten Ära in der amerikanischen Geschichte, die weibliche Sexualität als etwas ganz Eigenständiges feierte.

Begleitet wird der Film von Hildegard Pohl (Flügel) und Yogo Pausch (Percussion). Die Pianistin Hildegard Pohl aus Nürnberg ist eine Grenzgängerin zwischen klassischer Musik und swingendem Jazz. Sie tritt u.a. als Klaviersolistin, Chanson-Sängerin und Bandleaderin des "Hildegard Pohl Trios" auf. Im Duo mit Yogo Pausch begleitet sie seit vielen Jahren auch Stummfilme, u.a. bei den Nürnberger Stummfilmmusiktagen. Der Schlagzeuger Yogo Pausch hat in zahlreichen Bands gespielt, darunter Big-Bands, Bluesbands und Weltmusikgruppen. Daneben ist er aktiv im Bereich Kunst, Performance und Tanztheater, vertont Hörspiele und Gedichte.

Samstag, 06. November 2021 um 18:00 Uhr
Weg mit den alten Bärten: Marie Prevost ist unmoralisch witzig in "The Marriage Circle" (USA 1924)

Die fesche Mizzi hat genug von ihrem schnurbärtigen Gatten Prof. Stock und wirft sich dem schnurbartlosen Mann ihrer besten Freundin an den Hals. Mizzi, gespielt von der wunderbar unromantischen Marie Prevost, setzt so ein Karussell in Gang, auf dem Verliebte und Verlassene, Idealisten und Zyniker, Bartträger und Glattrasierte munter im Kreise fahren. Für amerikanische Verhältnisse ist die vom gebürtigen Berliner Ernst Lubitsch inszenierte Komödie ungewöhnlich frivol und demonstriert eine sonst nur in Slapstick-Film kultivierte Freude an unmoralischen Überschreitungen. Kurt Pinthus bejubelte The Marriage Circle als das erste vollkommene deutsche Filmlustspiel, wenn auch produziert in Hollywood: "Gäbe es ein Wort in unserer Sprache, das Vergnügen auszudrücken, welches dieser Film bereitet, ich setzte es mit solcher Leidenschaft hierher, daß sich alles, was sonst in Deutschland an Lustspielen erzeugt wird, verkröche und jeder Leser spornstreichs hinliefe, sich dieses Lubitsch-Opus anzusehen." (Das Tage-Buch, 6.9.1924)

Begleitet wird "The Marriage Circle" von Günter A. Buchwald (Flügel) und Frank Bockius (Schlagzeug). Günter A. Buchwald aus Freiburg im Breisgau zählt zu den Pionieren der Stummfilmrenaissance. Der Dirigent, Pianist, Violinist und Komponist begleitet seit 25 Jahren weltweit Stummfilme mit Klavier und Geige bei den bekannten Stummfilmfestivals in Bonn, Pordenone, Zürich, Nottingham und New York. Als Dirigent tritt er u.a. auf mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg, Island Symphonic Orchestra und Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. Frank Bockius ist ein vielseitig interessierter Schlagzeuger und Percussionist, der u.a. in Jazz-Bands und Flamenco-Ensembles spielt. Ebenso ist er aktiv im Bereich Alte Musik, Latin, Tanztheater und Musik für Kinder. Als Musiker gastierte er u.a. in Japan, USA, Finnland und Italien. Mit Günter Buchwald spielt er seit Langem in der "Silent Movie Music Company".

Sonntag, 14. November 2021 um 16:00 Uhr
Vorsicht vor Messern und Monokeln! Ossi Oswalda dreht auf in "Die Kleine vom Varieté" (D 1926)

"Die Leute sollen lachen, quietschen, rasen", schreibt der Film-Kurier am 4. September 1926 nach der Premiere von "Die Kleine vom Varieté". Ossi Oswalda, der erste deutsche Flapper, spielt eine messerwerfende Varietékünstlerin, die einen arbeitslosen Zahnarzt liebt, der wiederum ein Mädchen aus der Provinz heiraten soll. Die daraus resultierenden Verwirrungen bieten Ossi Oswalda Gelegenheit für ihre berühmten Temperamentsausbrüche, für Versteckspiele in Männerkleidung, Komik und Anarchie. Biedere Mädchen tragen hier Monokel, eine Jazzband sorgt für schräge Töne, und alle haben es faustdick hinter den Ohren. "Flottes Tempo, atemberaubende Spannung und zwerchfellerschütternde Situationen. (…) Messer blitzen, Revolver krachen, es regnet Küsse und hagelt Ohrfeigen", bilanzierte die Tägliche Rundschau am 05. September 1926.

Begleitet von David Schwarz (Flügel) und Thomas Prestin (Saxophon). David Schwarz studierte Jazz-Klavier in München, Weimar und Jerusalem und Filmmusik an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Er ist Multiinstrumentalist, Arrangeur und Komponist und hat als Theatermusiker, Schauspieler und Komponist an Produktionen u.a. im Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Graz und Theater Oberhausen mitgewirkt. Thomas Prestin hat in Weimar Saxophon und Klarinette studiert, war Mitglied von Saxophon-Quartetten und Rock‘n’Roll-Bands und gastierte u.a. in USA, Mexiko, Venezuela, China und Algerien. Er ist daneben im Theaterbereich aktiv, zuletzt in Erfurt, Schwerin und Bamberg. Er lebt in Berlin.

Freitag, 19. November 2021 um 18:00 Uhr
Aschenputtel erobert Hollywood: Die Flapper-Ikone Colleen Moore in Ella Cinders (USA 1926)

Ein junges Mädchen aus der Provinz will zum Film. Obwohl ihr Bewerbungsfoto furchtbar misslingt, erhält Ella Cinders eine Einladung nach Hollywood und ist nun endlich die keifende Stiefmutter und ihre gehässigen Stiefschwestern los. Auf der Zugfahrt bekommt sie es mit Indianern zu tun und später mit einem ausgewachsenen Löwen. Das Aschenputtel spielt hier die Flapper-Ikone Colleen Moore, die mit ihrem markanten Pagenschnitt eine weltweite Moderevolution auslöste. Moore war "ein weiblicher Clown": "Die Anmut ihrer parodistisch-mimischen Talente ist so groß, daß sie ihr auch den Mut zur Häßlichkeit gestattet." (Börsen-Courier, 29.1.1928).

Im Vorfilm "Feed ’Em And Weep" (USA 1928) sorgen die Komikerinnen Anita Garvin und Marion Byron als Bedienungen in einem Schnellrestaurant für erhebliches Chaos.

Begleitet von Maren Kessler (Vocals, Cello), Antonino Secchia (Vibraphon, Percussion) und David Schwarz (Flügel). Maren Kessler studierte Jazzgesang in Weimar und Luzern, machte Konzerttouren durch Indien und Italien und komponiert Theatermusiken u.a. für das Staatstheater Darmstadt, die Ruhrfestspiele Recklinghausen und das Schauspiel Köln. Unter ihrem Künstlernamen Maren Montauk arbeitet sie auch in unterschiedlichen Formaten zwischen Popmusik und Avantgarde-Musical. Der italienische Schlagzeuger, Percussionist und Vibraphonist Antonino Secchia hat am Konservatorium in Trapani und an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar studiert. Er spielt klassische Musik im Orchester und Jazz in kleinen Ensembles, wie dem Quartett Note Azure. David Schwarz studierte Jazz-Klavier in München, Weimar und Jerusalem und Filmmusik an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Er ist Multiinstrumentalist, Arrangeur und Komponist und hat als Theatermusiker, Schauspieler und Komponist an Produktionen u.a. im Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Graz und Theater Oberhausen mitgewirkt.

Eine Einführung hält Anjeana K. Hans. Sie ist Associate Professor of German am Wellesley College in Massachusetts (USA), forscht u.a. zum Film der 1920er und 30er Jahre und hat das Buches "Gender and the Uncanny in Films of the Weimar Republic" (Detroit: Wayne State University Press 2014) veröffentlicht.

Freitag, 26. November 2021 um 18:00 Uhr
Peggy Pepper gegen den Rest der Welt: Marion Davies spielt groß auf in "Show People" (1928)

Peggy Pepper aus Georgia hat nur ein Ziel: Sie will nach Hollywood und dort ein Filmstar werden. Wie das trotz himmelschreiender Talentlosigkeit gelingt, zeigt Show People auf äußerst komische Weise. Douglas Fairbanks, Charlie Chaplin und Norma Talmadge haben Cameo-Auftritte. Unter der Regie des genialen King Vidor entstand ein Film mit Witz und Tempo, der der Diva Marion Davies eine großartige und höchst selbstironische Paraderolle bescherte. "Der Film spielt in Hollywood und ist eine sehr ulkige Verhöhnung des Starwesens, des Direktorendünkels und des Regisseurwahns. Als flottes Lustspiel gedreht, bedeutet es für die Zuschauer einen ganz famosen Spaß." (Berliner Volks-Zeitung, 15.1.1930)

Begleitet wird "Show People" von Ekkehard Wölk (Flügel), Kristoff Becker (Cello) und Andrea Marcelli (Perkussion, Klarinette). Ekkehard Wölk (Berlin) ist Jazzpianist, Arrangeur und Komponist. Er gewann als Komponist und Arrangeur mehrere Preise und Stipendien, wirkte an verschiedenen Rundfunkproduktionen mit und gastierte auf zahlreichen internationalen Festivals. Kristoff Becker (Berlin) ist Cellist und Instrumentenbauer. Mit seinem Bruder Tobias Becker und Ulrich van der Schoor bildet er das Ensemble "Trioglyzerin", das seit vielen Jahren Stummfilme begleitet. Andrea Marcelli (Rom) ist Schlagzeuger, Klarinettist, Komponist, Produzent und Arrangeur. In den 1990er Jahren lebte er den USA, wo er u.a. mit Jazzgrößen wie Wayne Shorter zusammenarbeitete. Seine Aufnahmen, in denen er Einflüsse aus Jazz, Latin und moderner Klassik verbindet, wurden vielfach ausgezeichnet.

Sonntag, 05. Dezember 2021 um 16:00 Uhr
„The Funniest Woman in the World“: Beatrice Lillie wird zum Vamp in Exit Smiling (USA 1926)

Jeder will einmal eine Hauptrolle spielen. So geht es auch Violet, die bei einer fahrenden Theatertruppe das Mädchen für alles ist und dauernd herumgeschubst wird. Bis sie einmal selbst die Hauptrolle des verführerischen Vamps verkörpern darf, muss sie mit angeklebtem Bart einen Schurken spielen – und löst diverse Katastrophen aus. Alles passt: Die Pointen sitzen, das Timing der Gags ist phänomenal, das Zusammenspiel läuft wie geschmiert. Exit Smiling ist der einzige Stummfilm der Komikerin, Sängerin und Schauspielerin Beatrice Lillie, die hier mal in einem großen Topf feststeckt, mal einen furiosen Kampf mit einer Vorhangschiene bietet. Für den New Yorker Kritiker Brooks Atkinson war Lillie schlicht „the funniest woman in the world“.

Begleitet von Anna Vavilkina (Flügel) und Constanze Lobodzinski (Flöte). Die Organistin Anna Vavilkina hat in Moskau, Lübeck und Detmold studiert, nahm teil an internationalen Wettbewerben für Orgelimprovisation in Deutschland und Österreich und wurde beim Internationalen Orgelwettbewerb in Minsk ausgezeichnet. Regelmäßig begleitet sie Stummfilme im Berliner Kino Babylon an der Kinoorgel. Sie tritt daneben als Pianistin im Duo mit der Flötistin Constanze Lobodzinski auf.

Eine Einführung auf Englisch hält Kristen A. Wagner. Die Filmwissenschaftlerin ist Professorin am Solano College in Fairfield (Kalifornien) und Verfasserin des bahnbrechenden Buches "Comic Venus. Women and Comedy in American Silent Film" (Detroit: Wayne State University Press 2018), in dem sie erstmals die bedeutende Rolle weiblicher Komödienstars im Hollywoodfilm der 1920er Jahre erforscht.

Samstag, 11. Dezember 2021 um 19:00 Uhr
Pink Watson und der Ölprinz. Colleen Moore will nach oben in "Orchids and Ermine" (1927)

Auf der Suche nach einem reichen Prinzen und einer Zukunft in Saus und Braus geht Pink Watson nach New York und wird Telefonistin in einem Luxushotel. Statt des erwünschten Ölmagnaten lernt sie allerdings nur dessen unbeholfenen Diener kennen. Einmal mehr strahlt Colleen Moore, die in Deutschland beliebteste amerikanische Komödiantin, in der Rolle des verträumt-tollpatschigen Flapper. Die schönste Liebesszene spielt während eines Gewitters auf dem offenen Deck eines New Yorker Busses. Nach der Berliner Premiere unter dem Titel Fräulein, bitte Anschluß jubelte die Presse: "Die Würze gibt diesem leichten Spiel doch erst die reizende Colleen Moore, ein echtes Lustspieltemperament, von quecksilbriger Beweglichkeit und einem bezaubernden Scharm, dem der Schalk im Nacken sitzt und tausend Teufelchen aus den Augen blitzen. Ihre muntere Drolligkeit teilt sich unwiderstehlich mit. Das Publikum amüsierte sich prachtvoll." (Berliner Morgenpost, 26.01.1928)

"Orchids and Ermine" wird begleitet von Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Sierov (Oboe). Richard Siedhoff (Weimar) hat an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" Weimar Musikwissenschaft studiert und tritt seit 2008 als Stummfilmpianist auf. Er gastiert regelmäßig im Filmmuseum München und bei den Internationalen Stummfilmtagen in Bonn; im Lichthaus Kino Weimar kuratiert er das Stummfilmprogramm. Neben eigenen Klavierkompositionen und -improvisationen für Stummfilmkonzerte und DVD-Einspielungen schreibt er Filmmusiken für Kammerensemble und klassisches Stummfilmorchester. Der Oboist Mykyta Sierov hat in Kiew und Weimar studiert und ist als freischaffender Solist und Orchestermusiker tätig. Mit verschiedenen Kammermusikgruppen spielt er nicht nur klassische Musik, sondern auch Jazz und Pop sowie eigene Kompositionen. Gastspiele führten in u.a. nach Indien, in den Tschad, nach Frankreich, in die Ukraine und die Niederlande.

Samstag, 18. Dezember 2021 um 19:00 Uhr
Rotzfrech und viel bewundert. Gloria Swanson lässt sich nicht zerquetschen in "Manhandled" (USA 1924)

Statt im Kino findet sich die Verkäuferin Tessie eines Abends auf einer Party der High Society wieder und wird zum Star, dem Künstler und Modedesigner zu Füßen liegen. Gloria Swanson läuft als Tessie erneut zu komischer Höchstform auf, vereint das hart arbeitende, rotznäsige und kaugummikauende Großstadtmädchen mit der Diva, das tragisch Melodramatische mit anarchischem Humor. In der U-Bahn wird sie von der Masse fast zerquetscht und im Kaufhaus von raubtierartigen Kundinnen zerfleischt. Für Manhandled gilt das gleiche wie für Swansons folgende Komödie Stage Struck: "Eine Bombenrolle für die Swanson. (…) Ein toller Einfall jagt den anderen, manchmal wird die Komödie zur Groteske (…) Immer muß man das Genie der großen Gloria bewundern. Sie ist wirklich nicht schön mit ihrer spitzen Nase, aber sie bezaubert durch ihre Wandlungsfähigkeit." (Film-Kurier, 25.9.1926). Der Vorfilm mit Mabel Normand stellt die wichtige Frage: Should Men Walk Home (1927).

"Manhandled" wird begleitet von Neil Brand (London) am Flügel. Er ist Komponist, Autor, Pianist und Schauspieler. Seit über 20 Jahren begleitet er Stummfilme auf Festivals in aller Welt und regelmäßig im National Film Theatre in London. Seine Arbeiten für Theater, Radio und Fernsehen wurden mehrfach ausgezeichnet.

Eine Einführung hält Kristina Jaspers. Sie ist Kuratorin an der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Herausgeberin und Autorin zahlreicher film- und kulturwissenschaftlicher Publikationen und hat u.a. die Ausstellung "Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik" kuratiert.

Sonntag, 19. Dezember 2021 um 19:00 Uhr
"Gehet hin und schauet!" Marion Davies schlägt alle in "The Patsy" (1928)

"Ihr deutschen Autoren, Regisseure und Darsteller, geht hin und schaut euch diesen (…) heiteren Spielfilm an, der so leicht und graziös, so unbeschwert und flott unterhaltend ist“, empfahl die Welt am Abend am 8. April 1929. Im Mittelpunkt steht die schüchterne Pat, die unsterblich in den Freund ihrer arroganten Schwester verliebt ist und von ihrer Mutter dauernd drangsaliert wird. Marion Davies macht aus dieser Aschenputtel-Geschichte eine umwerfend komische One-Woman-Show, flott und witzig inszeniert von King Vidor. Besonderes Vergnügen bereitet ihr die Parodie anderer Stars: „Marion Davies siegt auf der ganzen Linie. Sie kopiert einmal hinreißend Lilian Gish, Pola Negri und Mae Murray. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir sie eine der allerbefähigsten und intelligentesten Komödiantinnen des amerikanischen Films nennen." (Lichtbild-Bühne, 4.4.1929)

Begleitet wird "The Patsy" von Ekkehard Wölk (Flügel), Kristoff Becker (Cello) und Andrea Marcelli (Perkussion, Klarinette). Ekkehard Wölk (Berlin) ist Jazzpianist, Arrangeur und Komponist. Er gewann als Komponist und Arrangeur mehrere Preise und Stipendien, wirkte an verschiedenen Rundfunkproduktionen mit und gastierte auf zahlreichen internationalen Festivals. Kristoff Becker (Berlin) ist Cellist und Instrumentenbauer. Mit seinem Bruder Tobias Becker und Ulrich van der Schoor bildet er das Ensemble „Trioglyzerin“, das seit vielen Jahren Stummfilme begleitet. Andrea Marcelli (Rom) ist Schlagzeuger, Klarinettist, Komponist, Produzent und Arrangeur. In den 1990er Jahren lebte er den USA, wo er u.a. mit Jazzgrößen wie Wayne Shorter zusammenarbeitete. Seine Aufnahmen, in denen er Einflüsse aus Jazz, Latin und moderner Klassik verbindet, wurden vielfach ausgezeichnet.

Textquelle: Pressemitteilung Deutsches Historisches Museum/Kinemathek und Zeughauskino; Bild: Stummfilm Magazin